Luft-Busfahrt: Norwegen testet Hybrid-Starter für Kurzstrecke

Norwegen testet ab 2027 hybridelektrische Flugzeuge für Ultrakurzstarts. Ziel: Emissionsarme Anbindung entlegener Regionen.

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electra-elektroflugzeuge

Ein neues Pilotprojekt in Trondheim (Norwegen) zeigt, wie der regionale Luftverkehr der Zukunft aussieht: flexibel, emissionsarm und mit weniger Asphaltfläche. Die Partner Bristow, Electra, und Avinor erproben ab 2027 Hybridflugzeuge, die lediglich 50 Meter Startbahn benötigen. Das bringt einen entscheidenden Vorteil für die Infrastruktur, weil die Hybridflugzeuge wie Busse an Haltepunkten, Parkplätzen oder sogar Wiesen operieren können. Somit lassen sich abgelegene Regionen effizient vernetzen und Reisezeiten drastisch verkürzen. Da die Flugzeuge sowohl elektrisch als auch mit nachhaltigen Kraftstoffen (SAF) betrieben werden können, reduziert man zudem die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen.

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Details zum Pilotprojekt in Norwegen

  • Zeitplan: Vorbereitungsphase ab April 2026, Testbetrieb ab Mitte 2027.
  • Technologie: Hybrid-Elektro-Antrieb mit Option auf nachhaltigen Kraftstoff (SAF).
  • Infrastruktur: Ultrakurzstart-Fähigkeit mit nur ca. 50 Meter Startbahn.
  • Partner: Bristow Group, Electra, Avinor und die norwegische Luftfahrtbehörde.
  • Einsatzgebiete: Nordnorwegen, regionale Zentren und und internationale Drehkreuze.
  • Kernziel: Vernetzung entlegener Orte und Erprobung regulatorischer Rahmen.

Kurzstarttechnik: Mobilität jenseits klassischer Startbahnen

Das Projekt basiert auf der eSTOL-Technologie (electric Short Take-Off and Landing) von Electra. Während konventionelle Regionalflugzeuge oft über 1.000 Meter Asphalt benötigen, kommt dieser Hybrid-Flieger mit nur 50 Metern aus. Das entspricht etwa der Länge von vier hintereinander geparkten Reisebussen. Dank der kurzen Startwege erübrigt sich der Bau neuer asphaltierter Flächen oder komplexer Terminalgebäude. Stattdessen nutzen die Betreiber vorhandene Flächen wie Parkplätze oder einfache Wiesen. Das System funktioniert dabei wie ein mobiler Zubringer, der kleine Gemeinden direkt mit großen Drehkreuzen verknüpft. Im Vergleich zu einem Hubschrauber ist der Betrieb deutlich günstiger, da die Tragflächen den nötigen Auftrieb effizienter erzeugen als ein Rotor.

Hybrid-Antrieb und die Rolle von nachhaltigem Kraftstoff (SAF)

Die Flugzeuge nutzen eine Kombination aus Elektromotoren und einer Gasturbine. Diese Turbine treibt wiederum einen Generator an, der während des Fluges den Strom für die Triebwerke liefert. Da ein reiner Batteriebetrieb die Reichweite aktuell zu stark begrenzen würde, entschied man sich für diesen Antrieb. Durch die Hybrid-Lösung kann die Maschine z.B. nachhaltigen Kraftstoff (SAF) tanken. Das Projekt untersucht die gesamte Lieferkette für diesen Biosprit (SAF), der momentan noch rund drei- bis viermal so teuer wie fossiles Kerosin ist. Letztendlich sollen die Tests in Norwegen zeigen, ab welchem Mischverhältnis sich der Ticketpreis für regionale Flugstrecken stabil halten lässt. Das Ziel ist dabei ein Betrieb, der ohne ständige staatliche Subventionen auskommt.

Wirtschaftlichkeit: Wann sich der Hybrid-Starter rechnet

Ein wirtschaftlicher Betrieb dieser Technologie lohnt sich vor allem dort, wo die Bodeninfrastruktur an ihre Grenzen stößt. Während der Bau eines Kilometers Autobahn in bergigem Gelände zweistellige Millionenbeträge verschlingt, benötigt das Hybrid-System lediglich befestigte Flächen in der Größe eines Supermarkt-Parkplatzes. Im Vergleich zu Hubschraubern senkt die EL9 die Betriebskosten um rund 70%. Das liegt vor allem am effizienten Auftrieb durch die Tragflächen, wohingegen der Rotor des Hubschraubers ständig Energie gegen die Schwerkraft aufwenden muss. Für Kommunen bedeutet das, dass die Anbindung an das nationale Flugnetz schon bei geringen Passagierzahlen rentabel ist, weil keine teuren Flughafengebühren für eine Großinfrastruktur anfallen.

Regulatorische Hürden und der Weg zur Zulassung

Damit die Flugzeuge tatsächlich auf Parkplätzen landen dürfen, definieren die Behörden neue Sicherheitszonen. In Norwegen übernimmt die Zivilluftfahrtbehörde diese Aufgabe innerhalb eines Reallabors. Man prüft dort, wie sich die Lärmemissionen auf die direkte Umgebung auswirken. Da die Elektromotoren beim Start leiser als herkömmliche Turboprop-Maschinen arbeiten, sinken die erforderlichen Abstandsflächen zu Wohngebieten. Bis Ende 2026 sollen alle Genehmigungen für die ersten Testrouten vorliegen.

Tests erfolgen in drei Phasen

Die Erprobung erfolgt dabei in drei Stufen. Zunächst fliegen die Maschinen zwischen kleinen Orten in Nordnorwegen, wo die Distanzen zwar kurz, aber die Landverbindungen durch die Fjorde und Berge zeitintensiv sind. Eine Flugzeit von 15 Minuten ersetzt dort oft eine dreistündige Autofahrt. In der zweiten Phase folgen Landungen auf Logistikplätzen am Stadtrand, bevor im letzten Schritt die Integration an Großflughäfen erfolgt. Dort müssen die langsameren Hybrid-Flieger beweisen, dass sie die Frequenz der großen Jets nicht stören. Ab 2027 muss zudem die Infrastruktur für die EL9-Maschinen mit 9 Sitzen stehen. Erst wenn die Versorgung mit SAF und Ladestationen auch bei hoher Flugfrequenz funktioniert, ist ein wirtschaftlicher Betrieb auf Strecken zwischen 80 und 800 Kilometern möglich.

Vergleich: Norwegen und Zentraleuropa

Norwegen eignet sich ideal als Testfeld, da der Staat den Elektro-Umbau enorm finanziert. Hingegen bremsen in Deutschland oder Frankreich meist bürokratische Hürden solche Projekte aus. Während man in Europa noch über die Lärmbelastung von Flugtaxen diskutiert, schafft Norwegen bereits die regulatorischen Grundlagen für den künftigen Linienbetrieb. Während Norwegen als staatlicher Vorreiter fungiert, blicken Investoren vor allem auf den US-Markt. Dort existiert bereits eine hohe Dichte an ungenutzten Regionalflugplätzen, die durch eSTOL-Technik ohne große Investitionen reaktiviert werden könnten.

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Electra meldet bereits Vorbestellungen von über 2.000 Flugzeugen von weltweit mehr als 60 Kunden. In Zentraleuropa hingegen liegt das Potenzial eher in der Entlastung großer Drehkreuze wie Frankfurt oder Paris. Hier könnten die Hybrid-Flieger Passagiere aus dem Umland direkt zum Terminal bringen, ohne die Hauptstartbahnen zu blockieren. Während das Projekt in Trondheim auf Hybrid-Kurzstarter setzt, erprobt Norwegen mit der BETA ALIA von BETA Technologies bereits rein elektrische Senkrechtstarter für den innerstädtischen Logistikverkehr.

Der reguläre Testbetrieb startet Mitte 2027, doch bis dahin klären die Behörden vor allem die Sicherheitsregeln für Starts abseits klassischer Flughäfen. Wenn die Phasen erfolgreich verlaufen, könnten erste kommerzielle Routen ab 2029 den regionalen Verkehr in Skandinavien ergänzen.

Quellen / Weiterlesen

Neues Projekt für Testarena von Hybridflugzeugen in Norwegen | Business Portal Norwegen
BRISTOW GROUP REPORTS THIRD QUARTER 2023 RESULTS | Bristow
Norway Takes the Next Step as an International Test Arena with Bristow Group and Electra | Bristow
Norway Completes Its First Electric Aviation Test Project | Bristow
Norway Takes the Next Step as an International Test Arena with Bristow Group and Electra | Electra
E-Motor sei Dank: Dieses Flugzeug braucht nur 50 Meter Anlauf, bis es in der Luft ist | CHIP
Bildquelle: © Bristow
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Stephan Hiller
Stephan Hiller ist Betriebswirt (Studium an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin und in Cambridge, UK) mit umfangreicher Geschäftsführungs- und Start-Up Erfahrung. Er hat sich erfolgreich darauf spezialisiert, den Finanzbereich und das Controlling junger Unternehmen operativ zu betreuen und Start-Ups strategisch sowie in den Bereichen Marketing, Vertrieb und Finanzen zu beraten. Er verfügt über umfassende kaufmännische Erfahrungen, die er durch mehrjährige Berufstätigkeit für internationale Unternehmen im In- und Ausland aufgebaut hat. Hierunter waren u.a. Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau, aus der Automobilindustrie, Solarmodulhersteller und Projektentwickler aus dem Bereich erneuerbare Energien. Weiterhin hat er mehrere Unternehmensgründungen im Bereich erneuerbare Energien initiiert und erfolgreich mit aufgebaut. Stephan hat zusammen mit Ajaz Shah energyload.eu im Oktober 2013 gegründet.

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