Die Abhängigkeit der westlichen Batterieproduktion von chinesischen Lieferketten ist bei Lithium-Eisenphosphat-Zellen (LFP) besonders ausgeprägt. Da China Exportbeschränkungen für Schlüsselmaterialien eingeführt hat, wächst der Druck auf europäische und nordamerikanische Hersteller. Nun meldete das britische Unternehmen Integrals Power einen Fortschritt bei der Herstellung von Eisenphosphat, dem bedeutenden Vorprodukt für LFP-Kathoden. Durch ein neues Niedrigtemperatur-Verfahren gelingt die Synthese unter geringerem Energieeinsatz und mit höherer Reinheit als bei herkömmlichen Methoden. Dies ermöglicht eine lokale Produktion, die preislich mit Importen konkurriert und gleichzeitig die ab 2027 geltenden strengen Ursprungsregeln für den zollfreien Handel erfüllt.
Auf einen Blick: LFP-Zellen von Integrals Power
- Projekt: Lokales Eisenphosphat-Vorprodukt (FP) für die LFP-Produktion.
- Technik: Niedrigtemperatur-Verfahren für hochreine Synthese.
- Vorteile: Weniger Energieverbrauch, hohe Reinheit, unabhängig von Nebenprodukten der Stahlindustrie.
- Strategie: Zollfreiheit (Rules of Origin 2027) und Umgehung chinesischer Exportstopps.
- Anwendung: E-Mobilität, Netzspeicher und Back-up für KI-Rechenzentren.
- Validierung: Erfolgreiche Performance-Tests durch Experten der Cranfield University.
- Status: Testphase mit großen Autoherstellern (OEMs).
Die aktuelle Marktsituation und Abhängigkeit von China
LFP-Batterien gewinnen weltweit massiv an Bedeutung und sind wichtig, um die Elektromobilität voranzutreiben. Laut dem „Global EV Outlook 2025“ der IEA stieg der Anteil von LFP-Batterien für Elektrofahrzeuge in Europa seit mehreren Jahren zweistellig. Noch dominanter ist die Chemie bei stationären Energiespeichern, wo sie inzwischen den Großteil der weltweit installierten Systeme stellen.
Trotz dieser strategischen Relevanz stammt fast das gesamte benötigte Eisenphosphat derzeit aus China. Dort wird das Material häufig aus industriellen Nebenprodukten gewonnen, etwa aus eisenhaltigen Rückständen der Metall- oder Chemieindustrie ‒ beispielsweise Eisensulfat aus der Titandioxid-Produktion (TiO2). Je nach Ausgangsstoff kann dies zu Verunreinigungen führen und zusätzliche Aufbereitungsschritte erforderlich machen.
Erschwerend kommt hinzu, dass China den Export von LFP-Technologien und -Materialien seit vergangenem Jahr durch Lizenzpflichten und Beschränkungen kontrolliert. Kritiker monieren häufig, dass die lokale Produktion dennoch auf globale Importe (z.B. Eisen) angewiesen sein könnte. Demgegenüber liegt der Fokus von Integrals Power allerdings auf der Nutzung regional verfügbarer Rohstoffe und Lieferketten sowie die im Vergleich zu China höhere Reinheit des Ausgangsmaterials, was die CO2-Bilanz im Vergleich zu chinesischen Importen verbessert.
Das neue Verfahren: Höhere Reinheit bei niedrigen Temperaturen
Integrals Power hat an seinem Standort in Milton Keynes (Großbritannien) eine alternative Synthese entwickelt. Im Gegensatz zu herkömmlichen Verfahren arbeitet dieser Prozess bei deutlich niedrigeren Temperaturen, was zudem entscheidende Vorteile hat.
- Nachhaltigkeit: Der Energiebedarf und damit der CO2-Fußabdruck des Vorprodukts sinken signifikant.
- Materialqualität: Die Partikeleigenschaften des Eisenphosphats lassen sich präzise steuern. Infolgedessen entsteht ein hochreines Material, das unabhängig von Nebenprodukten der Stahlindustrie wie Stahlschlacken hergestellt wird.
In Zusammenarbeit mit einer führenden britischen Universität wurden verschiedene Spezifikationen des Materials bereits auf Zellenebene getestet. Die Ergebnisse bestätigen, dass Leistung und Qualität des britischen Eisenphosphats über den chinesischen Referenzproben liegen – und das bei vergleichbaren Kosten pro Kilowattstunde ($/kWh).
Oft hinterfragen Kritiker, ob Laborentwicklungen im Gigawattstunden-Maßstab wirtschaftlich reproduzierbar sind (Lab-to-Fab). Integrals Power argumentiert hier mit der technischen Einfachheit des Verfahrens. Demzufolge ist die Niedrigtemperatur-Synthese energetisch leichter zu beherrschen und technisch weniger komplex als herkömmliche Hochtemperatur-Verfahren, was die Skalierbarkeit begünstigen sollte.
Strategische Bedeutung: Zollvorteile und Versorgungssicherheit
Für europäische Erstausrüster (OEMs) ist die lokale Produktion nicht nur eine Frage der Versorgungssicherheit, sondern auch der Wirtschaftlichkeit. Schließlich greifen ab 2027 für den Handel zwischen der EU und Großbritannien verschärfte Ursprungsregeln (Rules of Origin). Um den 10-prozentigen Zoll auf Elektrofahrzeuge zu vermeiden, müssen daher
- 55% des Gesamtwertes eines Fahrzeugs in der EU oder Großbritannien erwirtschaftet werden.
- 65% des Wertes der Batteriezellen und 70% des Batteriepacks lokal produziert sein.
Durch die Fertigung des Eisenphosphat-Vorprodukts aus regionalen Rohstoffen könnte Integrals Power die notwendige Basis schaffen, um diese Schwellenwerte für eine zollfreie Produktion im Westen zu erreichen. Zudem erhöht dies die Transparenz der gesamten Wertschöpfungskette. Angesichts der Exportbeschränkungen und drohender Zölle wird der Aufbau einer souveränen Lieferkette und die lokale Fertigung somit zur strategischen Pflichtaufgabe für westliche Automobilhersteller (OEMs).
Anwendungen und technologisches Potenzial
Während im Premium-EV-Sektor oft Nickel-Mangan-Cobalt (NMC) dominiert, zeigt die IEA-Statistik die zunehmende Bedeutung von LFP-Technologie für das Volumensegment und stationäre Stromspeicher. Neben der Elektromobilität ist die Verfügbarkeit von LFP-Zellen besonders für die Pufferung erneuerbarer Energien in Smart Grids und die Absicherung von KI-Rechenzentren wichtig. Hier ist die Kosten-Nutzen-Relation von LFP unschlagbar ‒ ein Markt, der für die westliche Energiewende essenziell ist.
Dass LFP mehr als ein austauschbares Massenprodukt (Commodity) ist, belegen die Patente von Integrals Power für über 20 verschiedene aktive Kathodenmaterialien. Der Fokus liegt hierbei auf der Modifikation der Partikelmorphologie und Reinheit. Diese Anpassungen verbessern die thermische Stabilität sowie die Schnellladefähigkeit und erweitern das Einsatzspektrum von LFP-Zellen für anspruchsvolle Anwendungen im Transportsektor.
Ausblick: Validierung und Skalierung
Behnam Hormozi, Gründer und CEO von Integrals Power, betont nochmals, wie wichtig diese Entwicklung für den europäischen Markt ist:
„Fast jede heutige LFP-Batterie ist von chinesischen Lieferketten abhängig. Wir haben ein Verfahren entwickelt, das sauberer und energieeffizienter ist und ein besseres Material liefert. Damit schaffen wir die Grundlage für eine eigenständige westliche LFP-Versorgung, die für Elektrofahrzeuge, Netzspeicher und Rechenzentren von zentraler Bedeutung ist.“
In den kommenden Monaten wird das Unternehmen Proben von Eisenphosphat und LFP an große OEMs und Zellhersteller für strukturierte Validierungsprogramme liefern. Diese Phase ist der entscheidende Schritt vor der breiten industriellen Anwendung. Nach erfolgreicher Kundenqualifizierung ist der Ausbau der Produktionskapazitäten in Großbritannien, Europa und Nordamerika geplant, um langfristige Lieferverträge zu bedienen.
Quellen / Weiterlesen
Bildquelle: © Integrals Power


