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In Zeiten von Klimawandel und „Flugscham“ erscheint elektrisches Fliegen wie eine Verheißung. Wenn es gelingt, Flugzeuge nach dem Vorbild von Elektroautos mit Strom statt mit Kerosin zu betreiben, könnten wir künftig ohne schlechtes Gewissen fliegen. So zumindest die Theorie. Deshalb wird mit Hochdruck an der Elektrifizierung des Flugverkehrs gearbeitet, doch der Erfolg ist keineswegs sicher.

Fliegen in Zeiten des Klimawandels

Konventionelle Flugzeuge haben heute einen sehr schlechten Ruf. Sie verursachen nicht nur klimaschädliches CO2, sondern auch gefährlichen Feinstaub und Lärm. Umweltbewusste Menschen leiden mittlerweile an der sogenannten Flugscham – sie schämen sich, überhaupt ins Flugzeug zu steigen, obwohl sie über die schädlichen Auswirkungen des Fliegens genau Bescheid wissen. Die Luftfahrtbranche bemüht sich deshalb um ein besseres Image: Das Präsidium des Bundes der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) kündigte kürzlich an, die luftverkehrsbedingten CO2-Emissionen auf null senken zu wollen. Der BDL hat dabei vor allem alternative Treibstoffe wie synthetisches Kerosin im Sinn.

Gleichzeitig arbeiten Flugzeughersteller und Start-ups weltweit fieberhaft an Elektroflugzeugen für die kommerzielle Nutzung. Denn Elektroflugzeuge sind nicht nur leise, sondern auch klimafreundlich unterwegs. Zumindest, wenn sie mit grünem Strom betankt werden. Viele Start-ups, aber auch große Flugzeughersteller und Fluggesellschaften haben dieses Potenzial erkannt und arbeiten an sauberen Flugzeugen, doch die technologischen Hürden sind hoch.

Die Schwachstelle im Elektroflugzeug ist die Batterie

Das Problem ist – wie beim Elektroauto auch – die Batterie. Um Reichweiten zu erzielen, die mit heutigen konventionellen Flugzeugen vergleichbar sind, müssten Elektroflugzeuge eine riesige, unglaublich schwere Batterie an Bord haben. Ob Batterien in Zukunft so weit schrumpfen, dass große Linienflugzeuge rein elektrisch betrieben werden können, ist nicht sicher.

Easyjet will beim elektrischen Fliegen Vorreiter werden

Dass es klappt, davon ist vor allem Easyjet überzeugt. In Kooperation mit dem US-Start-up Wright Electric will die Billigfluglinie schon nächstes Jahr einen elektrischen Neunsitzer starten lassen, der auf der Strecke zwischen Amsterdam und London eingesetzt werden soll. Mittelfristig will Wright Electric ein batteriebetriebenes Flugzeug für 150 Passagiere entwickeln, das Maschinen der Größe 737 ablösen könnte. Easyjet-CEO Johan Lundgreen ist vom Potenzial des elektrischen Fliegens überzeugt: „Wir können jetzt eine Zukunft vorhersehen, die nicht ausschließlich vom Flugzeugtreibstoff abhängig ist“, sagte er.

Wie schnell Easyjet tatsächlich größere Passagiermaschinen mit Batterieantrieb an den Start bringen kann, wird sich zeigen. Es hängt vor allem davon ab, ob sich die Batterietechnologie schnell genug entwickelt. Dass die Technologie grundsätzlich funktioniert, beweisen auch andere Projekte. Das israelische Start-up Eviation hat erst vor kurzem Alice vorgestellt, den Prototyp für ein elektrisches Passagierflugzeug. Der Neunsitzer mit 1.000 Kilometern Reichweite soll schon 2022 von Fluglinien auf Kurzstrecken eingesetzt werden.

Hybrid-Elektroflugzeuge als Zwischenlösung

Das kalifornische Unternehmen Ampaire arbeitet dagegen an Flugzeugen mit Hybrid-Elektroantrieb als Übergangstechnologie. Ampaire rüstet konventionelle Cessna-337-Maschinen um und ersetzen einen der Verbrennungsmotoren durch einen Elektromotor. Damit kann der Treibstoffverbrauch des Flugzeugs um 50 bis 70 Prozent reduziert werden, bei Start und Landung sind die Maschinen zudem lautlos unterwegs. Als Zielgruppe hat Ampaire kleine Fluggesellschaften im Visier, die abgelegene Gebiete bedienen. Noch 2019 soll eine umgebaute Cessna 337 die erste kommerzielle Route auf Hawaii bedienen.

Auch Airbus, Siemens und Rolls-Royce haben gemeinsam ein Hybrid-Elektroflugzeug entwickelt, den E-Fan X. Der Erstflug der Maschine, die zwischen 70 und 94 Passagiere fassen könnte, ist aktuell für 2021 geplant. Airbus forscht auch gemeinsam mit der Fluggesellschaft SAS Scandinavian Airlines zu Elektroflugzeugen. Dabei geht es um die Chancen und Herausforderungen, die anstehen, wenn Elektro- und Hybridflugzeuge im Passagierverkehr eingeführt werden.

Norwegen will Inlandsflüge nur noch elektrisch bedienen

In Norwegen, dem Vorzeigeland der Elektromobilität, bereitet man sich jedenfalls schon auf die Elektro-Revolution im Luftverkehr vor. Schon 2025 sollen die ersten kommerziellen Strecken im Inland mit Elektroflugzeugen bedient werden. Ab 2040 sollen auf diesen Strecken ausschließlich elektrische Flieger unterwegs sein.

Es winken günstigere Flugtickets

Übrigens wären Elektroflugzeuge nicht nur sauberer und leiser unterwegs, sondern würden das Fliegen auch günstiger machen. Elektrische Flugzeuge haben genau wie Elektroautos weniger bewegliche Teile verbaut und brauchen entsprechend weniger Wartung als konventionelle Modelle. Die niedrigeren Betriebskosten werden sich auch in den Ticketpreisen niederschlagen.

Löst elektrisches Fliegen also alle Probleme?

Ungeachtet aller Vorteile des elektrischen Fliegens sollten wir nicht vergessen, dass Batterierohstoffe schon heute knapp sind und ihr Abbau ebenfalls Umweltschäden verursacht. Batterien sind auf kritische Rohstoffe wie Lithium und Kobalt angewiesen, und es gibt aktuell kein umfassendes Recycling. Auch stammt unser heutiger Strom nur teilweise aus sauberen Energien. Solange das so bleibt, taugen weder Elektroflugzeuge noch Elektroautos als grüne Heilsbringer.

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Quellen / Weiterlesen

Easyjet will Vorreiter werdenWie E-Flugzeuge die Luftfahrt erobern – und deutlich günstiger machen könnten | Focus Online
Elektro-Demonstrator „E-Fan X“ wird weiterentwickelt | airliners.de
Elektroflugzeug von Easyjet soll 2019 abheben | eMobilServer
Bildquelle: © Airbus S.A.S.

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Stephan Hiller
Stephan Hiller ist Betriebswirt (Studium an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin und in Cambridge, UK) mit umfangreicher Geschäftsführungs- und Start-Up Erfahrung. Er hat sich erfolgreich darauf spezialisiert, den Finanzbereich und das Controlling junger Unternehmen operativ zu betreuen und Start-Ups strategisch sowie in den Bereichen Marketing, Vertrieb und Finanzen zu beraten. Er verfügt über umfassende kaufmännische Erfahrungen, die er durch mehrjährige Berufstätigkeit für internationale Unternehmen im In- und Ausland aufgebaut hat. Hierunter waren u.a. Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau, aus der Automobilindustrie, Solarmodulhersteller und Projektentwickler aus dem Bereich erneuerbare Energien. Weiterhin hat er mehrere Unternehmensgründungen im Bereich erneuerbare Energien initiiert und erfolgreich mit aufgebaut. Stephan hat zusammen mit Ajaz Shah energyload.eu im Oktober 2013 gegründet.

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