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Ob die Energiewende in der Stadt erfolgreich ist, zeigt sich besonders in den Maßnahmen für Bestandsgebäude. Bis 2050 ist ein klimaneutraler Gebäudebestand angestrebt. Allerdings liegt die Sanierungsquote in Deutschland nach wie vor bei nicht einmal einem Prozent. Erst kürzlich hat der Weltklimarat IPCC einen Sonderbericht veröffentlicht und dringend verstärkte Klimaschutzbemühungen angemahnt. Ansonsten würde sich die Lebensweise der Menschen grundlegend verändern, heißt es darin.

Im Gebäudebereich bedeutet das, Maßnahmen an der Gebäudehülle entschlossen anzugehen genauso wie zur erneuerbaren Energieversorgung. Der Vorteil einer dezentralen Versorgung mit Mieterstrom liegt in der doppelten Ersparnis: Nicht nur die CO2-Emissionen, auch die Stromkosten der Bewohner sinken. Das hilft, alle Beteiligten für die Klimaschutzmaßnahmen zu begeistern. Gleichzeitig stellt jedoch die Realisierung einer Mieterstromversorgung im Baubestand spezielle Herausforderungen an die Gebäude und an das Projektmanagement.

Interesse der Mieter ist entscheidend

Die Teilnahmequote ist eine zentrale Größe für ein erfolgreiches Mieterstromprojekt. Sie unterstützt einen hohen Direktverbrauch, so dass möglichst viel vor Ort erzeugter Strom auch dort genutzt wird. Je besser dies gelingt, umso niedriger sind die Stromkosten. Gerade weil die Mieter von Bestandgebäuden bereits Stromverträge haben, müssen sie zu einem Wechsel motiviert werden. Dazu bedarf es einer engen, vertrauensvollen und stetigen Zusammenarbeit von Vermieter, Hausverwalter und Mieterstromanbieter.

Aus technischer Sicht ist die Statik des Dachs eine entscheidende Voraussetzung, um eine PV-Anlage zur Mieterstromversorgung installieren zu können. Das Dach muss die Last mindestens 20 Jahre lang tragen, gemäß der Lebensdauer einer PV-Anlage. Gegebenenfalls ist dazu eine gleichzeitige Dachsanierung erforderlich, was im Zuge einer Statikprüfung gut im Vorfeld festgestellt werden kann.

Die Realisierung einer Mieterstromversorgung muss jedoch nicht zwangsweise im Zuge einer Gebäudesanierung erfolgen. Beispielsweise kann zunächst eine PV-Anlage installiert und ein paar Jahre später die Heizungssanierung in Angriff genommen werden. Umgekehrt, wenn ein Gerüst zur Gebäudedämmung aufgestellt wird, bietet sich die Prüfung bezüglich der Eignung für die Mieterstromversorgung eigentlich immer an. Schließlich lassen sich so deutlich Kosten sparen. Allein die Gerüstkosten können bei bis zu 20 Prozent der Installationskosten von Mieterstromprojekten liegen.

Anlagentechnik und Messkonzept

Um Mieterstrom in Bestandsgebäuden zu realisieren, sind ein Umbau der gegebenen Messinfrastruktur und die Reduzierung auf einen zentralen Hausanschluss die typischen Maßnahmen. Ob weitere, größere bauliche Maßnahmen erforderlich sind, ist im Einzelfall zu klären. Im Zuge von Gebäudesanierungen sind diese in der Regel gut umsetzbar.

Gerade, wenn Anlagen in das Gebäude eingebracht werden müssen, zum Beispiel Blockheizkraftwerke oder große Gewerbespeicher, müssen gegebenenfalls Platz im Keller geschaffen und zum Teil Flure und Treppengänge für den Transport erweitert werden.

Beispiel: Mieterstrom im Zuge einer Teilmodernisierung

Die Freiburger Stadtbau GmbH (FSB) hat im Zuge der Teilmodernisierung von 72 Wohnungen zusammen mit dem Energieversorger Polarstern ein Mieterstromkonzept realisiert. Die Gebäude stammen aus den 1960er Jahren und das Ganze geschah im bewohnten Zustand.

Über vier PV-Anlagen mit einer Leistung von je 80 Kilowatt Peak wird im aktuellen Projekt schon bald ein Großteil des benötigen Stroms vor Ort erzeugt. Mit jährlich ca. 360.000 produzierten Kilowattstunden Strom, sparen die Mieter nach aktuellem Stand deutlich über 10 Prozent Stromkosten gegenüber dem städtischen Grundversorgungstarif. Bei hoher Teilnahmequote können rund 34 Prozent des erzeugten Stroms direkt vor Ort genutzt und eine Stromautarkie von 45 Prozent erreicht werden.

Das alles zeigt: Mieterstrom im Baubestand ist eine große Chance für die Energiewende. Sie verlangt ein großes Maß an individueller Planung, eine flexible Umsetzung und einen starken Mieterfokus. Zudem lassen sich durch die technologieoffenen Schnittstellen von Mieterstromkonzepten sogar weitere Dienstleistungen und Anlagen integrieren, die Energieeffizienz steigern und die CO2-Emissionen senken.

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Bildquelle: WikipediaAndrewglaser at English Wikipedia [CC BY-SA 3.0 or GFDL]

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Manuel Thielmann
Manuel Thielmann arbeitet in der Geschäftsentwicklung von Polarstern. Er ist Ansprechpartner für die konzeptionelle Entwicklung und die praktische Umsetzung von Eigenstrom- und Mieterstromprojekten in ganz Deutschland. Sein Schwerpunkt ist die Integration verschiedener Energie- und Speichertechniken in dezentrale Energiekonzepte. Zuletzt hat er u.a. am Lehrstuhl für Elektrische Energiespeichertechnik der TU München die Integration von Batteriespeichern in Mehrfamilienhäusern erforscht.

1 KOMMENTAR

  1. „Bei hoher Teilnahmequote können rund 34 Prozent des erzeugten Stroms direkt vor Ort genutzt und eine Stromautarkie von 45 Prozent erreicht werden. Das alles zeigt:“ Solaranlagen taugen weder zur Sicherstellung einer dezentralen Stromversorgung (die also ohne „Stromimporte“ auskommt) noch um konventionelle Kraftwerke entbehrlich zu machen.

    Stattdessen muss auch hier im Hintergrund die Kraftwerkskapazität vorgehalten werden, die erforderlich ist, um beim Ausfall der eigenen Stromerzeugung einspringen zu können – und selbstverständlich müssen auch die Stromnetze so ausgebaut werden, dass sie nicht nur diese „Notstromversorgung“ bewerkstelligen können, sondern auch den überschüssigen Stromabfall (also die mindestens 66 Prozent nicht selbst genutzten Strom) zu entsorgen.

    Und die Kosten für dieses „Backup“ tragen natürlich nicht die „Mieterstromer“, sondern die Allgemeinheit. Da fällt es natürlich leicht, sich über die „deutlich über 10 Prozent“ Einsparung der Stromkosten gegenüber diesen zahlenden Deppen zu freuen.

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