Deutschland muss aufs Tempo drücken, um den Gebäudesektor bis 2045 klimaneutral zu machen. Was es braucht, um die Wärmewende zu schaffen und sozial zu gestalten, zeigt das Papier „Ein Gebäudekonsens für Klimaneutralität“, das Agora Energiewende 2021 vorgelegt hat.

Der Gebäudesektor hat erneut seine Klimaziele verfehlt

Im Jahr 2021 verfehlte der Gebäudesektor das zweite Jahr in Folge seine im Klimagesetz festgelegten Vorgaben. Der Gebäudebereich muss jedes Jahr 5,5 Millionen Tonnen CO2 einsparen und seine Emissionen schon 2030 fast halbiert haben – nur so kann Deutschland seine Klimaziele erreichen. Dazu muss das Heiz- und Wärmesystem grundlegend umgebaut werden.

Doch die angespannte Lage in vielen städtischen Mietmärkten erschwert ambitionierte Klimaschutzmaßnahmen zusätzlich. Damit die Wärmewende sozialverträg­lich bleibt, hat Agora Energiewende das Sofortprogramm „Ein Gebäudekonsens für Klimaneutralität“ erarbeitet. Es enthält 10 Eckpunkte, wie sich Klimaneutralität bis 2045 und bezahl­barer Wohnraum gleichzeitig umsetzen lassen.

Ausgewogener Instrumentenmix

Agora Energiewende fordert, die Wärmewende nicht allein über den CO2-Preis zu steuern. Denn dies würde gerade im Gebäudebereich zu massiven finanziellen Zusatzbelastungen für die Bevölkerung führen, ohne echte Klimaneutralität zu ermöglichen. Stattdessen müssen die vielen Hemmnisse in den Blick genommen werden, die in der Struktur des Gebäudesektors liegen und den CO2-Preis nach oben treiben. Es braucht also weitere flankierende Maßnahmen.

CO2-Preis stetig erhöhen und Strompreise senken

Der Preis für CO2-Zertifikate laut Brennstoffemissionshandelsgesetz soll bis 2025 nach und nach auf 80 Euro pro Tonne CO2 steigen, schlagen die Autoren vor. Im Jahr 2025 soll es einen Preiskorridor von 80 Euro/Tonne sowie einen Höchstpreis geben, der in den Jahren darauf jedes Jahr steigt. Das soll bewirken, dass sich der Spielraum für eine freie Preisbildung nach und nach erhöht. Aktuell finanziert noch die EEG-Umlage den Ausbau der Erneuerbaren, was zu hohen Stromkosten und zu einem Wettbewerbsnachteil für Wärmepumpen führt.

Wenn die CO2-Preis-Rückerstattung über den Strompreis erfolgt und die EEG-Umlage dank der höheren Einnahmen sinkt, macht dies auch Schlüsseltechnologien wie Wärmepumpen attraktiver. Zudem wird Strom für alle Haushalte billiger.

Ordnungsrechtliche Standards an Klimaneutralität 2045 ausrichten

Wenn die CO2-Preise bis 2025 nur mäßig steigen, werden Eigentümer weiterhin fossile Heizungen einbauen, die später hohe Mehrkosten verursachen. Agora Energiewende schlägt diese Gegenmaßnahmen vor: Das Wirtschaftlichkeitsgebot bei den Standards im Gebäudeenergiegesetz soll sich am Ziel Klimaneutralität sowie an den realen Schadenskosten von 195 Euro je Tonne CO2 ausrichten. Um Standards vorschreiben zu können, die heute noch nicht wirtschaftlich sind, müssen die Fördersätze die Differenzkosten abdecken.

Ab 2024 soll das „Effizienzhaus 40“ für Neubauten zum Standard werden, bei größeren Umbauten das Zielniveau des „Effizienzhauses 70“. Neue Öl- und Gasheizkessel sollen ab 2024 im Neubau verboten werden, ebenso für Bestandsgebäude, wenn es Wärmenetze oder andere klimafreundliche Alternativen gibt.

Förderprogramme jährlich mit 12 Milliarden Euro ausstatten

Um die vorherigen Punkte umzusetzen, schlägt das Papier vor, das Fördervolumen der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) im Bundeshaushalt zu verstetigen und auf 12 Milliarden Euro zu erhöhen. Die Fördersätze für die Gebäudehülle sollen steigen und eine differenzierte Förderung eingeführt werden, die vom Mietniveau, vom Anteil einkommensschwacher Haushalte und anderen Indikatoren abhängig ist, die beispielsweise von den Kommunen definiert werden.

Einführung von Warmmieten

Aktuell zahlen nur Mieter die steigenden CO2-Preise, da sich die Nebenkosten und damit die Gesamtmieten erhöhen. Gerade in Städten mit hohen Mieten und Wohnungsknappheit belastet dies Haushalte mit geringem Einkommen stark. Eine Lösung kann die Einführung von Warmmieten sein. Warmmiete bedeutet, dass die Heizkosten in den Mieten enthalten sind, statt als Nebenkosten aufgeschlagen zu werden.

Das würde einen Anreiz für Vermieter schaffen, ihre CO2-Kosten zu senken. Denn die Miete würde im Falle einer energetischen Sanierung nicht angepasst und die höheren Kosten nicht auf die Mieter umgelegt. Der Anreiz zur Emissionsvermeidung liegt damit komplett beim Vermieter, der die Emissionen durch einen Austausch der Heizung auf null senken kann. Je höher die CO2-Preise sind, desto mehr lohnt sich dies für Vermieter.

Neben pauschalen Warmmieten gibt es die Möglichkeit, Warmmieten mit Temperaturfeedback einzuführen. Dabei zahlen Mieter für eine bestimmte Temperatur in der Wohnung und haben somit den Anreiz, wenig zu verbrauchen. Für Vermieter lohnt es sich, wenn sie diese Temperatur so klimafreundlich wie möglich mit wenig Energieverbrauch zur Verfügung stellen.

Verbindliche kommunale Wärmeplanung

Der Bund soll die Länder zu einer Wärmeplanung für alle Kommunen mit über 20.000 Einwohnern verpflichten, wie es sie in Baden-Württemberg bereits gibt. Die Kommunen erstellen Wärmepläne anhand bestehender lokaler Potenziale und sollen dabei alle klimaneutralen Technologien nutzen. Das Ziel: Bis 2030 sollen 30 Prozent der Gebiete auf eine klimaneutrale Heizung nach dem Quellprinzip umgestellt werden, schlagen die Autoren von Agora Energiewende vor. Um die Kosten für neues Personal oder externe Gutachten zu decken, erhalten die Kommunen zusätzliche Mittel.

Grüne Fern- und Nahwärme ausbauen und klimaneutral ausgestalten

Für Klimaneutralität im Gebäudesektor sind Wärmenetze der Schlüssel. Sie können gerade in Städten klimafreundliche Wärme liefern. Neben einem ambitionierten Ausbau muss die Wärmeerzeugung für Fernwärme dabei selbst dekarbonisiert werden. Ab 2045 soll ein Mix aus Wärmepumpen, Abwärme, Geo- und Solarthermie sowie Wasserstoff für die Residualerzeugung die Wärme in den Netzen bereitstellen.

Wärmekunden vor den Kosten der Wasserstoff-Markteinführung schützen

Grüner Wasserstoff wird künftig vor allem in der Industrie sowie für die Residualerzeugung im Fernwärmesektor zum Einsatz kommen. Ob er auch bei dezentralen Heizungen eine günstige und gut verfügbare Option sein wird, muss sich erst noch zeigen. Deshalb warnt Agora Energiewende davor, heute Technologien einzuführen, die künftig auf grünen Wasserstoff angewiesen sind. Es ist nicht klar, ob dieser später ausreichend zur Verfügung stehen wird. Deshalb dürfen die Haushalte nicht an den Kosten für die Markteinführung des Wasserstoffs beteiligt werden.

Dach-Solaranlagen: Prosumer- und Mieterstrom-Regelungen vereinfachen

Solarenergie kann einen großen Beitrag dazu leisten, den Gebäudesektor klimaneutral zu machen. Dazu braucht es laut einer anderen Studie von Agora Energiewende bis 2045 etwa 150 Gigawatt an Dach-Solaranlagen, damit der Gebäudesektor große Teile des nötigen erneuerbaren Stroms selbst produzieren kann. Mieterstrommodelle können einen großen Beitrag dazu leisten, das vorhandene Potenzial ist allerdings noch weitgehend ungenutzt.

Um das zu ändern, fordern die Autoren, die Regeln für Prosumer stark zu vereinfachen und die aktuelle PV-Förderung für eingespeisten Strom zumindest im Kleindachsegment perspektivisch als Investitionszuschuss zu zahlen. Es braucht Rechtsklarheit und Planbarkeit, zudem müssten gewerblich genutzte Gebäude mit einbezogen werden, heißt es im Papier. Kommunen können bei Neubauten entsprechende Vorschriften zur Erzeugung erneuerbarer Energien machen, wie es Berlin mit der Solardachpflicht ab 2023 plant.

Pakt für Zukunftshandwerk

Damit die energetische Sanierung in dem Ausmaß umgesetzt werden kann, wie es nötig ist, müssen Unternehmen die nötigen Kapazitäten schaffen und ihr Know-how ausbauen. Dazu brauchen sie Planungssicherheit sowie qualifizierte Fachkräfte, von denen in Deutschland in diesem Bereich etwa 100.000 fehlen.

Als Lösung müssen die Ausbildungsqualität und die Zahl der Ausbildungsplätze im Handwerk gesteigert werden, unter anderem durch Einführung eines neuen dualen Ausbildungsbildes „Sanierungshandwerker“. Innovationspotenziale müssen durch technologische Lösungen ausgeschöpft werden, die die Skaleneffekte mit hohem Wachstumspotenzial vereinen, fordern die Autoren.

Quellen / Weiterlesen

Ein Gebäudekonsens für Klimaneutralität | Agora Energiewende
Bildquelle: © Pixabay

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    3 KOMMENTARE

    1. Sehr geehrter Herr Dr. Decken,
      würden sich sich etwas tiefgreifender mit den Bausteinen beschäftigen, die für eine wirkliche Energiewende benötigt werden, – und die Verbraucher nicht belasten, sondern entlasten – würden Sie erkennen, dass Agora Wärme- und Energiewende nichts anderes ist als ein Propagandaorgan der Energiekonzerne.
      Es ist kein Zufall, dass nur von „Wärmenetzen“ für Einheiten ab 20.000 die Rede ist und vor wasserstoffbasierten Technologien gewarnt, aber kein Wort über die geplanten 23 GW Gaskraftwerke und ihre gigantische Energieverschwendung verloren wird, die das Märchen von den emissionsfreien Wärmepumpen (und E-Mobilität) ad absurdum führen. Ebenso wie der absurd geringe Ausbau der Photovoltaik. – Alles läuft allein darauf hinaus, das fossile Geschäftsmodell bzw. die Milliardengewinne der Energiekonzerne abzusichern und auszubauen. – Möglicherweise sind Sie aber auch selbst, ausgestattet mit einem „Beratervertrag“, Teil dieses perfiden Apparates, der nichts mit Klimaschutz zu tun hat, sondern direkt in den Kollaps führt.
      Mit freundlichen Grüßen,
      Heidger Brandt

    2. @Heidger Brandt: Steile Thesen, aber wenig Substanz. Es geht um Wärmeversorgung, warum soll deshalb auf Gaskraftwerke eingegangen werden? Würden Sie sich etwas mehr mit Agora befassen, wüssten sie, dass diese befürworten die Stromversorgung schnellstmöglich mit regenerativen Energien zu dekarbonisieren. Lesen Sie mal ein paar der veröffentlichten Studien. Nur weil ein Gaskraftwerk geplant oder auch gebaut wird, heißt das nicht, dass es auch enorm viel CO2 emitiert. Denn entscheident ist, wie oft es überhaupt angeschaltet wird. Keine Studie geht davon aus, dass Gaskraftwerke einen Großteil des Stromes produzieren. Stattdessen sind sie eine kostengünstige Möglichkeiten, um möglichst viel Backup-Leistung zur Verfügung zu stellen, wenn diese für wenige Stunden im Jahr gebraucht wird. Die erzeugte Jahrestrommenge ist dann damit aber relativ überschaubar.

      Außerdem scheinen Sie den liberalisierten Strommarkt leider nicht verstanden zu haben. Nur weil ein paar Unternehmen Gaskraftwerke bauen, bedeutet das nicht, dass damit „Geschäftsmodelle abgesichert werden“. Ganz im Gegenteil. Es gibt keine Verpflichtung, dass der Strom aus diesen Kraftwerken auch abgenommen wird. Stattdessen müssen Unternehmen „hoffen“, dass sie auch in mehreren Jahren mit solchen Kraftwerken noch konkurrenzfähige Preise erhalten, damit sie auf ihren Investitionen nicht sitzen bleiben. Genau dies ist in den letzten Jahren bereits passiert. Daher bauen alle Unternehmen vor allen Dingen regenerative Erzeugung aus und nur wenige „trauen“ sich überhaupt Gaskraftwerke zu bauen.

      Sie sollten ihr Weltbild von bösen Fossil-Konzernen eventuell mal an der Realität spiegeln dann würden sie erkennen, dass dieses Bild ungefähr 20 Jahre veraltet ist.

    3. @ Nico. Ihre Verweise auf Agorastudien und ihr polemisches Umsichschlagen lassen vermuten, dass Sie selbst Agora-Angestellter sind. Hierfür spricht auch, dass Sie Ihre Identität verschleiern. Auf der Sachebene argumentieren Sie entsprechend: Wenn Sie behaupten, „Es geht um Wärmeversorgung, warum soll deshalb auf Gaskraftwerke eingegangen werden?“ unterschlagen oder übersehen Sie, dass die propagierte Wärmewende mit Wärmepumpen insbesondere dann, wenn der Großteil des dafür benötigten Stromes erzeugt werden muss – im Winterhalbjahr und nachts – aufgrund von Dunkelflaute überwiegend und grundsätzlich durch „gesicherte“ Stromerzeugungskapazitäten bereitgestellt werden muss. Dies erfolgt heute überwiegend durch Atom- und Kohlekraftwerke, die die Grund- und Mittellast abdecken. – Und soll künftig durch die angebliche Übergangstechnologie, so der seit Jahrzehnten mit dem Ausbau der Erdgasinfrastruktur verfolgte Plan, mit Erdgas erfolgen. Zu diesem Zweck wurden u.a. Nordstream I und II gebaut und spricht auch die neue Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag von 23 Gigawatt neuen Gaskraftwerken, die für eine „sichere Energieversorgung“ angeblich „unabdingbar“ sind, wie es unablässig von allen Seiten heißt. Die Energiewirtschaft spricht sogar von einem Bedarf von 30 Gasgroßkraftwerken. Also nicht lediglich für einen angeblich minimalen Bedarf zur Abdeckung von Lastspitzen, wie von Ihnen behauptet. – Hier hängen Sie „20 Jahre“ zurück. Im übrigen ein „Bombengeschäft“ für die Konzerne, ist die Stromproduktion mit Erdgas doch die teuerste von allen.
      Und da die neuen und auch die alten Leitungen nach dem russischen Angriffskrieg gekappt werden müssen, wird jetzt hektisch auf LNG umgesprungen. – Eine weitere Profitmaximierung für Erzeuger und die verteilenden und verbrennenden Konzerne. Auch deshalb, weil 50 Prozent der verfeuerten Primärenergie eines Gaskraftwerkes als Abwärme verschwendet werden. Das heißt: Die Energie- und CO2-Bilanz von Wärmepumpen ist katastrophal schlecht. Denn eine Vollversorgung mit regenerativem Strom ist weder in Sicht noch geplant. Hier verwechseln Sie das – angebliche – „Ziel“ mit der Realität. Hinzu kommt, dass die Gewinnmaximierungsstrukturen des zentralen Energiewirtschaftssystems jetzt auch auf die Regenerativen übertragen werden. – Schauen Sie sich mal an, welche Milliardengewinne RWE und CO mit ihren Wind- und Solarparks einfahren plus Netzkosten, die weiter explodieren werden und sollen, für den angeblich notwendigen Ausbau der Netze. – Diese werden für eine wirkliche Energiewende ebenso wenig benötigt wie Gaskraftwerke, Wärmepumpen und die Energiekonzerne selbst.
      Es ist auch kein Zufall, dass keine dieser Studien nachweist, wie nicht nur die Stromversorgung, sondern der gesamte Energiebedarf regenerativ gedeckt werden soll. Soll er nämlich gar nicht. Es geht um die langfristige Verbrennung von Erdgas, egal welche Folgen daraus für die Verbraucher, die Wirtschaft als Ganzes und die Zukunft entstehen.

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