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Die Luft ist in vielen deutschen Städten zu stark mit Stickoxiden belastet. Weil die geltenden Grenzwerte immer wieder überschritten werden, verklagt die EU-Kommission nun Deutschland und andere EU-Länder vor dem Europäischen Gerichtshof. Doch wie werden die Stickoxidwerte eigentlich gemessen?

Warum Stickoxide überhaupt messen?

Stickoxide entstehen bei der Verbrennung von Kohle, Öl, Holz oder Gas. Der größte Verursacher ist der Straßenverkehr, wo Dieselmotoren Stickstoffdioxid ausstoßen. Das Reizgas gelangt über die Lungenbläschen in den Körper und kann Asthma, Bronchitis und Herz-Kreislaufkrankheiten auslösen. Um die Bevölkerung zu schützen, hat die EU festgelegt, dass im Jahresdurchschnitt höchstens 40 Mikrogramm Stickoxide in einem Kubikmeter Luft sein dürfen. Außerdem gilt ein Stundenmittelwert von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter, der höchstens 18 Mal im Jahr überschritten werden darf.

Die Bundesländer messen gemäß EU-Vorgaben

Die EU macht in ihrer Luftqualitätsrichtlinie auch Vorgaben, wie und wo gemessen werden muss. In Deutschland sind dafür die Umweltbehörden der einzelnen Bundesländer zuständig. Dabei geht es nicht nur um Stickoxide, sondern auch um Feinstaub in verschiedenen Partikelgrößen, um Schwefeldioxid und Kohlenmonoxid. Die EU-Richtlinie sieht vor, dass Behörden ihre Messstationen an den Stellen mit den höchsten Konzentrationen aufstellen müssen. Deshalb stehen sie im Fall von Stickoxiden an viel befahrenen Straßen. Aus den ermittelten Daten schließen die Ämter dann auf die räumliche Ausdehnung der Belastung. Zusätzlich gibt es Messstationen in typischen Wohngebieten, so genannte Hintergrundmessstationen.

Die EU schreibt außerdem genau vor, wie groß der Abstand der Messstationen zum Fahrbahnrand, zu Gebäuden und zu Kreuzungen sein muss. Auch die Anströmungsbedingungen und die Höhe der Messeinlassöffnung, an der die Luft untersucht wird, sind festgelegt. Wegen dieser genauen Vorgaben gibt es immer wieder Vorwürfe, die Behörden würden Messstationen falsch aufstellen und so die Ergebnisse verfälschen.

Streit um Platzierung der Messstationen

Dabei gehen die Meinungen auseinander, ob die tatsächliche Belastung eigentlich höher oder niedriger liegt. Beispielsweise drohen in Stuttgart Dieselfahrverbote, weil dort besonders am Hotspot Neckartor immer wieder besonders hohe Stickoxidwerte gemessen werden. Ingenieure des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) haben im letzten Jahr allerdings an mehreren Stellen selbst Messungen durchgeführt. Diese ergaben, dass sich die Stickoxidwerte schon 20 bis 25 Meter von den Straßen weg halbieren. Kritikern, die der Stadt und den Gerichten überzogene Reaktionen vorwerfen, geben solche Ergebnisse neuen Auftrieb. Die Stadt wiederum beruft sich auf die EU-Vorgaben, die eben Messungen an besonders belasteten Orten vorsehen. In ganz Stuttgart gibt es übrigens nur vier offizielle Messstationen. Die Stadt führt anhand dieser Daten dann Modellrechnungen durch.

Die Deutsche Umwelthilfe misst die Stickoxid-Belastung selbst nach

Dass es zu wenige Messstationen gibt, kritisiert auch die Deutsche Umwelthilfe (DUH). Von den rund 500 Messstationen in ganz Deutschland sind nur 247 verkehrsnah aufgestellt. Und diese verteilen sich auf 146 Städte und Gemeinden – in 99 Prozent der 11.092 Städte und Gemeinden finden also überhaupt keine Messungen statt, so die DUH. Die Organisation geht aber davon aus, dass 300 bis 500 Orte in Deutschland zu hohe Stickoxidwerte aufweisen. Deshalb führt sie unter dem Motto „Decke auf, wo Atmen krank macht“ seit Februar eigene Messungen mit Bürgerbeteiligung durch und hat dafür Messröhrchen an Privatpersonen verteilt. Das bisherige Ergebnis, das allerdings keine rechtliche Aussagekraft hat: Die DUH ermittelte im Februar 67 neue Orte mit zu hoher Stickoxidbelastung. An den meisten überprüften Standorten wurden die Grenzwerte jedoch eingehalten. Die DUH, die Fahrverbote für Dieselfahrzeuge oder technische Nachrüstungen gerichtlich durchsetzen will, setzt ihre Messaktion seit Juni fort.

Bundesverkehrsministerium lässt Standorte überprüfen

Um im Hinblick auf Dieselfahrverbote Rechtssicherheit zu schaffen, will das Bundesverkehrsministerium die Standorte der Messstationen nun überprüfen lassen. In Städten mit besonders schlechter Luftqualität soll der Deutsche Wetterdienst prüfen, ob die EU-Vorgaben eingehalten werden. Los geht es in Düsseldorf, danach folgen unter anderem Köln, Dortmund und Düsseldorf. Im Hinblick auf Fahrverbote dürfte das kaum etwas ändern, doch Deutschland ist verpflichtet, die EU-Vorgaben penibel umzusetzen, auch um Strafmaßnahmen zu vermeiden.

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Quellen / Weiterlesen:
Wie die Belastung mit Stickoxiden gemessen wird | Augsburger Allgemeine
Luftmessnetz: Wo und wie wird gemessen? | Umwelt Bundeamt
Bürger messen Stickoxid selber | Klimaretter.info
Stickoxid-Werte in Stuttgart: Wissenschaftler stellen Messdaten in Frage | Focus Online
Deutsche Umwelthilfe sieht 67 neue „Dieselabgas-Hotspots“ in Deutschland | Focus Online
Ist Deutschland bei der Luftmessung zu korrekt? | Stuttgarter Nachrichten
Diskussion um Fahrverbote: Bund überprüft Luft-Messstellen | WAZ
Bildquelle: CAPL

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Stephan Hiller
Stephan Hiller ist Betriebswirt (Studium an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin und in Cambridge, UK) mit umfangreicher Geschäftsführungs- und Start-Up Erfahrung. Er hat sich erfolgreich darauf spezialisiert, den Finanzbereich und das Controlling junger Unternehmen operativ zu betreuen und Start-Ups strategisch sowie in den Bereichen Marketing, Vertrieb und Finanzen zu beraten. Er verfügt über umfassende kaufmännische Erfahrungen, die er durch mehrjährige Berufstätigkeit für internationale Unternehmen im In- und Ausland aufgebaut hat. Hierunter waren u.a. Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau, aus der Automobilindustrie, Solarmodulhersteller und Projektentwickler aus dem Bereich erneuerbare Energien. Weiterhin hat er mehrere Unternehmensgründungen im Bereich erneuerbare Energien initiiert und erfolgreich mit aufgebaut. Stephan hat zusammen mit Ajaz Shah energyload.eu im Oktober 2013 gegründet.

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