In Europa sterben Hunderttausende Menschen früh, weil die Atemluft mit Feinstaub und anderen Schadstoffen belastet ist. Die Luftqualität hat sich zwar in den letzten Jahren verbessert, aber noch nicht genug. Die Europäische Umweltagentur (EEA) in Kopenhagen hat errechnet, dass 2016 rund 400.000 Menschen wegen der Luftverschmutzung vorzeitig starben. Experten fordern weniger Autos in den Städten.

Luftverschmutzung als größte Umweltgefahr für die menschliche Gesundheit

Die EEA hat für ihren Jahresbericht die Luftqualität in den Jahren zwischen 2000 und 2017 betrachtet. Sie berichtet, dass in fast allen europäischen Städten die Luftverschmutzung über den Werten liegt, die die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt. Das führt zu gesundheitlichen Problemen für die Bewohner und zu einer geringeren Lebenserwartung. Die nächste Folge sind wirtschaftliche Nachteile durch die steigenden Kosten im Gesundheitssektor.

Die EAA warnt: „Luftverschmutzung ist momentan die größte Umweltgefahr für die menschliche Gesundheit.“ Am gefährlichsten ist Feinstaub, der kleiner ist als 2,5 Mikrometer. Insgesamt 412.000 Menschen starben 2016 vorzeitig durch die winzigen Partikel, die durch die Atemwege in den gesamten Körper gelangen. Das sind 4,2 Millionen Lebensjahre, die verloren gingen.

Das Gas Stickstoffdioxid war für 71.000 vorzeitige Todesfälle verantwortlich. Vor allem Asthmatiker sind hier gefährdet. Die EAA berichtet von insgesamt 707.000 verlorenen Lebensjahren. Bodennahes Ozon ist ein weiteres Problem, hier starben 15.100 Menschen früher bzw. gingen 160.000 Lebensjahre in Europa dadurch verloren.

Die Angaben zu den Todesfällen wurden rechnerisch ermittelt, es sind keine Ergebnisse von Messungen. Zudem können auch die Todesfälle nach einzelnen Ursachen nicht einfach addiert werden, weil teilweise mehrere Schadstoffe beteiligt sind, wenn ein Mensch erkrankt und stirbt. Deshalb ist die Zahl der verlorenen Lebensjahre aussagekräftiger.

Weniger Autos in den Städten gefordert

Auch wenn sich die Luftqualität verbessert hat – dank verbindlicher Vorschriften und lokaler Maßnahmen – geht die Entwicklung zu langsam. Die bisherigen Bemühungen reichen nicht aus. Alberto Gonzáles Ortiz, ein Autor der Studie, kritisierte, man habe noch nicht einmal die europäischen Vorgaben erreicht. Von den Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation sei man noch weit entfernt, so Ortiz.

Besonders in Ballungsräumen, im Osten Europas und in Norditalien sei die Schadstoffbelastung immer noch viel zu hoch, heißt es im EAA-Bericht. Als Gründe werden der Verkehr, die Industrie sowie die Energieerzeugung und Landwirtschaft genannt. Ortiz fordert: Um die Luftverschmutzung, vor allem durch Stickstoffdioxid, zu verringern, sei es wichtig, die Zahl der Autos in Städten zu senken.

Auch Christoph Schneider, Professor für Klimageographie und Geschäftsführender Direktor des Geographischen Instituts an der Humboldt-Universität Berlin, hebt die Rolle des Verkehrssektors hervor. „Die immens hohe Zahl frühzeitiger Todesfälle und der insgesamt hohe Verlust an Lebensjahren zeigen, dass im Vergleich zu Verkehrsunfällen die gesundheitlichen Folgen der Luftbelastung viel gravierender sind“, sagte Schneider.

Er kritisiert: „Der eigentliche Skandal mit immensen Folgen für die Gesundheit der Menschen in Europa ist demnach nicht mangelnde Verkehrssicherheit. Sondern die lasche Umsetzung von Maßnahmen zur Einhaltung von Grenzwerten an Tausenden von Messstellen in Europa und die zu hohen Emissionen zum Beispiel durch die illegalen Tricksereien bei der Abgasreinigung von Dieselautos.“

Die Politik könnte handeln, tut aber nicht genug

Für Nino Künzli, den stellvertretenden Direktor des Schweizerischen Tropen- und Public Health-Institut (Swiss TPH), zeigt der Bericht vor allem: Die Vorschläge der WHO in Bezug auf Luftschadstoffe können eingehalten werden, wenn die Politik diese Ziele vorgibt. Das zeige das Beispiel der Stickoxide, wo die Jahresmittelwerte nur noch an zehn Prozent aller Messstationen über dem von der WHO vorgeschlagenen und von der EU als Grenzwert vorgegebenen Wert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter lägen.

Anders sieht es beim Feinstaub aus. Hier liegt an 69 Prozent der Messstationen der Wert über dem, den die WHO empfiehlt (10 Mikrogramm pro Kubikmeter). „Seit Jahren weigert sich die EU, diesen Richtwert gesetzlich zu verankern“, so Künzli. Stattdessen habe sie für den Feinstaub den von Lobbyisten propagierten und viel zu hohen Jahresmittelwert von 25 Mikrogramm pro Kubikmeter festgeschrieben. „Wäre die Luftreinhaltepolitik der EU schon vor 20 Jahren den Forderungen der Wissenschaft gefolgt, lägen heute auch die Feinstaub-Belastungen tiefer“, betonte Künzli.

Quellen / Weiterlesen


Luftverschmutzung verkürzt 400.000 Leben | Spiegel Online
400.000 Todesfälle wegen Luftverschmutzung | tagesschau.de
400 000 Europäer sterben durch Luftverschmutzung | Süddeutsche Zeitung
Air Quality Report 2019: 400.000 Tote in Europa wegen schlechter Luft – Forscher sagen, was nun passieren muss | Focus Online
Luftschadstoffe kosten 400.000 das Leben | Ärzte Zeitung
Bildquelle: flickrHannes De Geest

Stephan Hiller
Stephan Hiller ist Betriebswirt (Studium an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin und in Cambridge, UK) mit umfangreicher Geschäftsführungs- und Start-Up Erfahrung. Er hat sich erfolgreich darauf spezialisiert, den Finanzbereich und das Controlling junger Unternehmen operativ zu betreuen und Start-Ups strategisch sowie in den Bereichen Marketing, Vertrieb und Finanzen zu beraten. Er verfügt über umfassende kaufmännische Erfahrungen, die er durch mehrjährige Berufstätigkeit für internationale Unternehmen im In- und Ausland aufgebaut hat. Hierunter waren u.a. Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau, aus der Automobilindustrie, Solarmodulhersteller und Projektentwickler aus dem Bereich erneuerbare Energien. Weiterhin hat er mehrere Unternehmensgründungen im Bereich erneuerbare Energien initiiert und erfolgreich mit aufgebaut. Stephan hat zusammen mit Ajaz Shah energyload.eu im Oktober 2013 gegründet.

8 KOMMENTARE

  1. Gute Arbeit, Stephan! Hier ist mein Beitrag zu demselben Thema. Als Ingenieur ich bin ausgebildet nicht nur die Fragen zu stellen, sondern die Lösungen zu finden. Gegen Luftverschmutzung in Siedlungen aller Art und Größe muss man frontal gehen, nicht nur gegen Verkehr.

    1. Heizungsanlagen: Alles was brennt muss raus aus Siedlungen, zuerst feste Brennstoffe, Kohle und Holz, dann Öl und zum Schluss Gas. Heizung soll entweder durch Fernwärme oder Strom realisiert werden. Diese Investition kostet ca. ein paar Tausende EUR pro Haushalt, was vollkommen ertragbar wird.
    2. Besonders in großen Städten die Straßen sollen mit reichlich Wasser gewaschen werden, nur mit Besen zu putzen reicht überhaupt nicht! (Über technischen Details nach deinem Wunsch.)
    3. Fahrzeuge sollen nicht auf die Straßen geparkt werden – dafür brauchen wir viele Parkhäuser und Tiefgaragen, keinesfalls irgendwelche Verbote! Mit dieser Aktion werden mehrere Ziele gleichzeitig geschafft werden: Straßen vom Staub gründlich zu befreien, mehr Sicherheit durch transparente Straßen, mehr Platz für Radwege, etc.
    4. Verkehr System in Städten gründlich umbauen, so der Transitverkehr läuft außer um, keinesfalls durch Städte! Bei Politiker bislang „populärsten“ Methoden für die Umweltschutz, spricht Fahrverbote, werden dann überflüssig. Die Fahrverbote sind keine Lösungen, sondern nur Gewalt gegen Freiheit und Eigentum der Bürger. (Über technischen Details nach deinem Wunsch.)

    Alle diesen Maßnahmen verlangen viel Zeit und Geld aber WIR MÜSSEN ENDLICH ANFANGEN!

  2. Kann ich mich fast völlig anschließen. Außer beim Fahrverbot. Wenn es nicht anders geht, geht es halt nicht anders.

    Noch besser wäre ja eine Förderung des ÖPNV. Das wissen unsere Autohersteller natürlich effektiv zu verhindern.

  3. @Nostradamus:

    Interessante Ideen. Ich denke aber, dass das Ziel deutlich einfacher und schneller erreicht werden.

    zu 2. Der „Staub“ und Dreck, der auf der Straße liegt, hat nicht viel mit dem gesundheitsschädlichen Feinstaub zu tun. Daher wird nass waschen nicht helfen. Feinstaub ist in der Luft und liegt nicht am Boden und wird aufgewirbelt.

    zu 3. Hier gilt das gleiche wie bei Punkt 2. Keine Lösung, da das Problem nicht bei groben Staub auf der Straße liegt. Mich würden zwar autofreie Straßen freuen, aber ich glaube nicht, dass sich dies mit Parkhäusern realisieren lässt. Schauen sie sich mal eine deutsche Großstadt (Innenstadt) an. Dort gibt es schlichtweg keinen Platz, um alle Straßenparker in Parkhäuser zu schieben. Wollen Sie Wohngebäude abreißen und dafür Parkhäuser bauen? Klingt für mich unsinnig. Zumal das auch ewig dauern würde bis es abgeschlossen ist. Viel sinnvoller und effizienter halte ich da die individuelle Autonutzung zu reduzieren. Sprich ÖPNV und Carsharing zu fördern.

    zu 4. Das mit Abstand größte Verkehrsaufkommen in Großstädten resultiert nicht aus Transitverkehr. Bei einer Stadt wie Berlin fahren die Leute nicht durch, sondern hinein oder innerhalb der Stadt von a nach b. Eine Verlagerung von Transitverkehr nach draußen, löst also das Problem nicht. Zumal es das ja auch schon gibt. Wieder Beispiel Berlin: Wenn ich von Frankfurt Oder nach Hamburg fahre, werde ich sicherlich nicht durch Berlin durchfahren, sondern die Autobahn drum herum verwenden. Aber wie gesagt, löst das das momentane Verkehrsproblem innerhalb der Stadt nicht, weil es hier keinen Transitverkehr gibt.

  4. Zuerst vielen Dank an alle Beteiligten in dieser Diskussion! Wir könnten unsere Ideen und Kriterien aufeinanderstapeln und die richtigen Lösungen zusammenfinden!
    Außer Fahrverboten, was wurde in Städten bislang unternommen? Gar nichts! Der Verkehr in Städten funktioniert nach „Konzepten“ aus früherem mittlerem Jahrhundert, oder sogar nach noch ältere, aus römischen Zeiten: Alle Straßen führen in Stadtzentrum! Ich wohne in Stuttgart. Wenn ich morgens früh der endlose Kolone die durch Stadtzentrum durchfährt anschaue habe ich mehrmals festgestellt, dass mindesten acht von zehn Autos ein fremdes Kennzeichen haben. Das ist reines Transit! Durch Stuttgart Zentrum laufen drei hochfrequente Bundesstraßen: B10, B14 und B27 und alle sind mindestens vierspurig. Durch Hamburgszentrum z.B. laufen sogar Autobahnen: 1, 7, 23, 24, 25. Bundes- und Landstraßen brauchen wir nicht zu zählen!
    Auf die Straßen liegen nicht nur Kippen, Papiere und Kaugummis sondern auch Staub in alle mögliche Größe. In der letzten paar Jahren habe ich mehrere Studien gefunden die alle warnen, dass Verkehr durch Luftwirbel hebt den Staub hoch. Dieser Effekt ist besonders bei trockenem Wetter merkbar, in Winter bei trockenem Frost oder in Sommer bei heißem trocknem Wetter. Also, ohne Wasser, und zwar regelmäßigen Spülen mit viel Wasser, die großen Städten werden nie saubere Luft haben!
    Autofreie Straßen – das sollte eine langfristige Aktion werden. Jeder Neubau sollte für eigene Einwohner oder Nutzer (Büros, z.B.) ausreichend Stellplätze haben. Ein bewohntes Haus zu abreisen um Parkhaus zu bauen – ne, das geht nicht! Anderseits: Kann man Wohnungen ohne Bad bauen um möglichst viel Wohnraum zu bekommen? Aktion „Auto freien Straßen“ in Vergleich mit Aktion „saubere Luft“ ist zweitrangig. Hier geht es um Aufbau eine humane und ästhetische Atmosphäre in großen Städten, wie auch um mehr Sicherheit in Verkehr.

  5. Wie gesagt, sind die vielen Autos mit fremden Nummernschildern KEIN TRANSIT, sondern Personen die außerhalb wohnen und in Stuttgart arbeiten. Die gleichen Personen werden zum Feierabend wieder aus der Stadt hinaus fahren. Das ist in jeder Großstadt so. Und das lösen Sie eben nicht mit Umgehungsstraßen, denn die Leute wollen nunmal in die Stadt hinein und nicht durch sie hindurch.

    An den Studien, die zeigen, dass Verkehr den Staub auf der Straße hochwirbelt und dadurch den Feinstaubgehalt der Luft erhöht, bin ich sehr interessiert. Können Sie diese verlinken?

  6. Leider doch, das ist nur Transit, so viele Leute arbeiten nicht in Stuttgart. Rund um Stuttgart befindet sich jede Menge Industrieanlagen, wie Daimler in Sindelfingen und in Untertürkheim, Porsche, unzählige Zulieferanten, Ingenieurbüros, etc. etc. Das Problem ist, dass die kürzesten Wege von Ost nach West und vom Süd nach Nord führen gerade durch Stadtzentrum! Ein Umweg gibt es nicht. Ich bin schon 30 Jahren hier und ich kenne die Situation. Die Studien mit Staubproblem – ich werde es versuchen was aber dauern kann, da solche Information steht im Text nicht in Titel.

  7. Man könnte ja was für den öffentlichen Nahverkehr tung. Aber bekanntlich wird in die motorisierte Individualmobilität 20-mal so viel Forschungsgeld ausgegeben wie für den ÖPNV.

    Faktor 20, da wird (wieder einmal) deutlich, wo die Präferenzen der GroKo liegen.

  8. Das besondere Problem in Stuttgart ist doch die Geographie. Wenn links und rechts Berge sind, lassen sich da halt schwer Straßen bauen. Und deswegen müssen alle Berufstätige durch Stuttgart durch, um im Großraum Stuttgart an ihren Arbeitsplatz zu kommen. Ob das jetzt klassischer Transit ist, ist Auslegungssache.

    Der Spezialfall Stuttgart trifft aber nicht auf die Mehrheit der Großstädte zu. Dort ist es kein Transit, sondern klassischer Berufsverkehr.

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