Den chinesischen Elektroautobauer NIO gibt es erst seit vier Jahren und noch hat er kein einziges Auto in Europa verkauft. Trotzdem machen die Chinesen hierzulande ordentlich Schlagzeilen. Warum? Weil sie einiges anders machen als die Konkurrenz. Bei ihrem SUV NIO ES8 setzen sie beispielsweise nicht nur auf schnelles Laden, sondern auf ein einzigartiges Konzept mit Wechselakkus. Auch beim Vertrieb und Service geht NIO neue Wege.

Elektro-SUV Nio ES8

Der ES8 ist ein siebensitziger SUV, mit dem NIO auf das Premium-Segment abzielt. In China ist das fünf Meter lange Fahrzeug mit drei Sitzreihen seit Mitte 2018 auf dem Markt. Es soll mit autonomen Fahrfunktionen, viel Platz im Innenraum und mit diversen, KI-gesteuerten Komfortfunktionen und digitalen Serviceleistungen ein völlig neues Fahrerlebnis garantieren. Das Außergewöhnlichste am ES8 ist aber der Akkutausch, der sogar schneller gehen soll als ein gewöhnlicher Tankvorgang. Innerhalb von Minuten bekommt der Stromer wieder 355 Kilometer Reichweite.

Die Idee des Wechselakkus ist nicht neu

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Die Idee, einfach den leeren Akku gegen einen vollen auszutauschen, statt mit dem E-Auto lange an der Ladesäule zu warten, ist nahe liegend. Dass die Umsetzung allerdings ihre Tücken hat, zeigte schon Shai Aggassi, der 2013 mit seiner Firma „Better Place“ an genau dieser Idee scheiterte. Womöglich war der israelische Unternehmer damals einfach zu früh dran, Elektroautos standen nicht wie heute vor dem Durchbruch als Massenprodukt und Batterien waren teuer. Doch auch die tatsächliche Umsetzung des Akkuwechsels war wohl nicht ausgereift, es gab Schwierigkeiten bei der Ausrichtung und Fixierung der Batterie bei auf dem Boden stehenden Fahrzeugen.

Voller Akku in unter zehn Minuten

Bei NIO hat man daraus gelernt: Der ES8 wird zum Akkutausch mit einer Hebebühne angehoben, der automatische Wechsel der 600 Kilo schweren Batterien dauert exakt 3,27 Minuten. Rechnet man die Ein- und Ausfahrt in die von NIO errichteten Wechselstationen hinzu, dauert das Ganze insgesamt zehn Minuten. So schnell sind auch die modernsten Ladesäulen auf dem Markt nicht. In den Ladestationen werden jeweils fünf Lithium-Ionen-Batteriepakete bereitgehalten, die innerhalb einer Stunde wieder vollgeladen sind. Den Bedarf an Wechselakkus will NIO in Echtzeit überwachen – alle NIO-Systeme inklusive Akkus werden vernetzt sein.

18 Akkuwechselstationen hat NIO in China bisher aufgestellt, sie stehen an der über 2.200 Kilometer langen Strecke zwischen Peking und Honkong an der G4-Autobahn. In den nächsten zwei Jahren sollen es stolze 1.100 Stationen werden. Momentan ist noch ein NIO-Mitarbeiter in jeder Station vor Ort, irgendwann soll der Tausch vollautonom vonstatten gehen. Das Konzept ist hauptsächlich für Autobahnen vorgesehen, um den ES8 langstreckentauglich zu machen. In den Städten soll seine 70 kWh-Batterie größtenteils normal an Ladesäulen oder Wallboxen aufgeladen werden.

Das Wechselakku-Konzept hat einen weiteren Vorteil: Mit fortschreitender Batterietechnik kann ein leistungsstärkerer Akku eingesetzt werden. Das nächste NIO-Modell, der ES6, bekommt einen größeren Akku mit 84 kWh, der dann auch für den ES8 passen wird.

Auch deutsche Zulieferer sind beteiligt

Seit Sommer hat NIO in China 8.000 ES8 verkauft. Er bietet mit 480 kW (652 PS) und 840 Newtonmeter Drehmoment ordentlich Leistung, wird 200 km/h schnell und beschleunigt in 4,4 Sekunden auf 100 km/h. Das Design stammt aus München, die Software aus dem Silicon Valley, und unter den Zulieferern der Chinesen finden sich Namen wie Continental, Bosch und Brembo. Im Cockpit bekommt der Fahrer viele Infos über ein Head-Up-Display. Bedient wird der ES8 über einen Touchscreen und einen kleinen virtuellen Assistenten in Kugelform namens Nomi, der per Sprachbefehl die Musik wechselt, die Fenster öffnet und schließt oder die Massagesitze steuert.

Das NIO-Vertriebskonzept setzt auf Showrooms und App statt auf Händlernetze

Eine weitere Besonderheit: Die NIO-Fahrzeuge gibt es nicht beim Händler. Stattdessen setzt NIO (ähnlich wie Tesla) auf eigene Showrooms. Von den sogenannten NIO Houses gibt es bisher 26 in chinesischen Großstädten. Dort sollen Kunden nicht nur Autos vorgeführt bekommen, sondern sich entspannen, lesen und Kaffee trinken. Es zählt vor allem der Wohlfühlfaktor und das Gefühl, zu einer exklusiven Gemeinschaft zu gehören. Die Fahrzeuge selbst bestellt man dann per App. So funktioniert später auch der Service: Auf Knopfdruck holt ein Mitarbeiter den Wagen ab und bringt ihn in die Werkstatt. NIO plant auch Lademobile, die mit leerem Akku gestrandete NIO-Fahrer mobil wieder mit einem vollen Akku versorgen.

Der NIO ES8 kommt bald nach Europa

Ab 2020 will NIO den ES8 auch in Europa verkaufen. Inwieweit das Wechselakku-Konzept ebenfalls importiert wird, wird sich zeigen. Auch wenn die Batterien größer werden und die Ladezeiten sinken, könnten solche Lösungen beispielsweise für Flotteninhaber interessant sein. Auf jeden Fall ist NIO ein ernstzunehmender Konkurrent für die hiesigen Hersteller, auch wenn er mit 448.000 Renminbi nicht eben günstig ist. Umgerechnet sind das etwa 57.000 Euro. In China bietet NIO auch eine monatliche Batteriemiete für umgerechnet 165 Euro an, dann kostet der Wagen etwa 13.000 Euro weniger.

Quellen / Weiterlesen

18 Service Stations Along the G4 Expressway Now Provide Free Battery Swap Service to ES8 Owners | NIO
Unbegrenzte E-Reichweite – dank Wechselakku | stern
Batterietausch in fünf Minuten | auto motor und sport
Der Tesla-Jäger aus Fernost | Welt
Fahrbericht: Nio ES8 | heise Online
Bildquelle: © NIO GmbH
Ajaz Shah
Ajaz Shah ist seit 2010 im Bereich der erneuerbaren Energien in der Projektfinanzierung und dem Projekmanagement für verschiedene Unternehmen tätig. Er arbeitete an Solar- und Windprojekten mit einer Gesamtkapazität von mehr als 50 MW in Deutschland, Spanien, Italien, Großbritannien, Tschechien und Frankreich mit. Daneben ist er freiberuflich im Online Marketing tätig. Ajaz hat zusammen mit Stephan Hiller energyload.eu im Oktober 2013 initiiert.

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