Russland will nun doch dem Pariser Klimaabkommen von 2015 beitreten – an sich eine gute Nachricht. Vermutlich sorgt sich Präsident Vladimir Putin aber nicht unbedingt ums Klima, sondern mehr um den Fortbestand der russischen Öl- und Gasindustrie. Was wie ein Widerspruch klingt, ist relativ leicht zu erklären.

Mehr Kernkraft und erneuerbare Energien für Russland

Russlands kürzliche Ankündigung, das Klimaabkommen von Paris nachträglich zu unterzeichnen, kam für den Rest der Welt überraschend. Schließlich hat sich das Land jahrelang nicht für den Klimaschutz interessiert, obwohl es nach China, den USA und Indien die höchsten CO2-Emissionen weltweit hat. Jetzt soll der Anteil der erneuerbaren Energien steigen, die momentan nur zu einem Prozent zu Russlands Stromversorgung beitragen. Ein guter Teil der russischen Energie soll aber künftig aus Kernkraft stammen.

Putin will russisches Öl und Gas retten

Dieser Sinneswandel hat einen einfachen Grund. Er könnte der verzweifelte Versuch sein, die russische Öl- und Gaswirtschaft zu retten. Diese hat den größten Anteil an der Stromversorgung des Landes, und Russland exportiert zusätzlich Steinkohle ins Ausland. Davon ist die russische Volkswirtschaft stark abhängig.

Warum also will Russland plötzlich auf klimaneutrale Energieformen umstellen? Um den Klimawandel zu stoppen, damit die russische Öl- und Gaswirtschaft weiter existieren kann. Die steigende Erderwärmung lässt nämlich die Permafrostböden schmelzen – also die Landmasse in Norden Russlands, die das ganze Jahr über gefroren ist und nur im Sommer an der Oberfläche auftaut. 80 Prozent der russischen Gaswirtschaft sowie 15 Prozent der Ölindustrie hat ihre Infrastruktur auf diesen Böden errichtet. Tauen diese nun mehr und mehr auf, hat die Energieindustrie ein ernsthaftes Problem.

Russische Energiewirtschaft von auftauenden Permafrostböden bedroht

Seit Jahren beobachten Klimaforscher, dass sich die Permafrostböden rapide verändern. Der Klimawandel sorgt dafür, dass der sogenannte Auftauboden immer tiefer wird, also die Schicht, die in den Sommermonaten taut und damit instabil wird. Die russische Energiewirtschaft hat ihre Infrastruktur zwar angepasst und setzt die Fundamente von Gebäuden, Fabriken, Pipelines und Verkehrswegen entsprechend tief. Doch wenn künftig immer tiefere Bodenschichten tauen, ist die gesamte Infrastruktur bedroht: Der Boden kann sie schlicht nicht länger tragen.

Diese Effekte sind schon heute messbar, und der neue IPCC-Bericht warnt, dass sich fast die Hälfte (45 Prozent) der Fördergebiete in der russischen Arktis auf Böden mit dem größten Risiko befinden. Dazu gehört auch die Jamal-Halbinsel, die eine große Bedeutung für die russische Energiewirtschaft hat. Dort befinden sich zwei der größten neuen Gasprojekte des Landes sowie das Novy-Port-Ölprojekt.

Die russische Energiewirtschaft hat zwar vorgesorgt und ihre neuere Infrastruktur bereits mit dem Klimawandel im Blick gebaut. Ältere Förderprojekte sind jedoch nicht auf die Veränderungen vorbereitet. Außerdem weiß niemand, wie schnell die Böden letztendlich auftauen und wann der sogenannte Tipping Point erreicht ist, ab dem die Klimaveränderungen nicht mehr beherrschbar sind: Gerade das Auftauen der Permafrostböden setzt riesige Mengen an Methan frei, was die Klimaerwärmung noch mehr beschleunigt. Das wiederum lässt die Böden noch schneller auftauen.

Die Bemühungen Russlands um mehr Klimaschutz könnten also paradoxerweise das Ziel haben, weiter fossile Brennstoffe abbauen zu können. Für die russischen Permafrostböden könnte es allerdings schon zu spät sein. Die internationale Organisation AMAP (Arctic Monitoring and Assessment Program) schätzt die Lage so ein: Selbst wenn die Treibhausgasemissionen so gesenkt werden wie im Pariser Abkommen vereinbart, reicht das nicht. Das würde die Auftauböden nur bei etwa 45 Prozent unter den jetzigen Werten stabilisieren.

Russlands Image leidet wegen der Klimakrise

Nichts tun wäre allerdings ein noch viel größeres Problem für die russische Öl- und Gasindustrie. Ist das der Grund für den plötzlichen Wandel Putins? Sicherlich, aber nicht nur. Denn in Russland machten sich in diesem Jahr Klimaveränderungen bereits durch riesige Waldbrände bemerkbar, und gerade die jüngere Bevölkerung ist zunehmend an Umweltthemen interessiert. Die russische Führung kann mit dem Beitritt zum Klimaabkommen also auch ihr Image im eigenen Land und sowie international verbessern.

Quellen / Weiterlesen

Why Vladimir Putin Suddenly Believes in Global Warming | Bloomberg
Russia’s thawing permafrost worrying for mining, oil and gas companies | Mining Weekly
Klimawandel: Gefahr durch tauenden Permafrost in Sibirien | Deutsche Welle
Warum Russland ins Pariser Abkommen einsteigt | Tagesspiegel
Bildquelle: Pixabay
Ajaz Shah
Ajaz Shah ist seit 2010 im Bereich der erneuerbaren Energien in der Projektfinanzierung und dem Projekmanagement für verschiedene Unternehmen tätig. Er arbeitete an Solar- und Windprojekten mit einer Gesamtkapazität von mehr als 50 MW in Deutschland, Spanien, Italien, Großbritannien, Tschechien und Frankreich mit. Daneben ist er freiberuflich im Online Marketing tätig. Ajaz hat zusammen mit Stephan Hiller energyload.eu im Oktober 2013 initiiert.

1 KOMMENTAR

  1. Ich denke nicht, dass die Böden (und damit verbundener höherer Wartungsaufwand) ein Umdenken bewirkt.
    Vielmehr sind es die Klimaziele der EU (auch mit H2 als Energieträger).
    Putin ist nicht dumm. Über kurz oder lang, wird er in Nordstream, Windgas oder direkt H2 durchleiten.

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