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Die Idee der kalten Fusion ist faszinierend: Aus der Verschmelzung von Atomkernen entstehen enorme Energiemengen, aber bei niedrigen Temperaturen und zu sehr niedrigen Kosten. Die Mehrheit der Forscher ist sich einig, dass das unmöglich ist. Der italienische Unternehmer Andrea Rossi will trotzdem einen solchen Fusionsreaktor erfunden haben. Was ist dran an den Technologien von E-CAT?

Das Phänomen der kalten Fusion in der Wissenschaft

Atomkerne verschmelzen normalerweise nur bei Temperaturen von mehreren Millionen Grad Celsius miteinander, wie etwa im Inneren der Sonne. Dabei wird ein bestimmter Anteil der Masse in Energie umgewandelt und als Wärme freigesetzt. Bei Zimmertemperatur stoßen sich Atomkerne jedoch ab, eine Verschmelzung ist nicht möglich. Kernfusion braucht Hitze und extremen Druck. Der Chemiker Andrea Rossi will nun in Heimarbeit einen Fusionsreaktor entwickelt haben, der diese Gesetze der konventionellen Physik außer Kraft setzt. Sein E-CAT erzeugt angeblich Wärme durch die Verschmelzung von Atomkernen bei niedrigen Temperaturen.

Rossi ist nicht der erste: Im Jahr 1989 berichteten die Chemiker Martin Fleischmann und Stanley Pons von der University of Utah, in ihren Experimenten seien Wasserstoffisotope an der Oberfläche einer Palladiumkathode zu Helium fusioniert. Sie hatten mittels zwei Elektroden aus Palladium Strom in ein mit Schwerem Wasser gefülltes Reagenzglas geleitet. Das Wasser zersetzte sich zu Wasserstoff und Sauerstoff. Die Forscher erklärten, sie hätten dabei überschüssige Wärme gemessen und Neutronen und Helium gefunden – Nebenprodukte der Kernfusion. Das Ganze sei bei Zimmertemperatur geschehen.

Diese Erklärung war damals eine wissenschaftliche Sensation. Doch da Fleischmann und Pons und auch andere Forscher die Beobachtungen nicht wiederholen konnten, und sie den Grundsätzen der Physik wiedersprachen, wurden die beiden Wissenschaftler schließlich des wissenschaftlichen Betrugs bezichtigt.

Dennoch führten einige Forschergruppen weiter Experimente durch, um das Thema kalte Fusion weiter zu erforschen. Sie sprachen jetzt nicht mehr von der kalten Fusion, sondern von LENR („Low Energy Nuclear Reactions“), und meinen bisher unbekannte Kernreaktionen bei niedriger Energie. Immerhin konnten manche Forscher ähnliche Effekte wie Fleischmann und Pons beobachten, etwa der Japaner Tadahiko Mizuno von der Universität Hokkaido, der Deuteriumkerne mittels Elektroden aus Gold miteinander verschmolz. Er und andere Forscher meldeten, es sei bei der Reaktion außergewöhnlich viel Wärme entstanden.

Existiert das Phänomen der kalten Fusion?

Auch Peter Hagelstein, Physiker und Professor für Elektrotechnik vom Massachusetts Institute of Technology (MIT), beschäftigt sich intensiv mit dem Thema kalte Fusion. Nach jahrzehntelangen Experimenten ist er überzeugt, dass das Phänomen existiert und dass sich bestimmte Anomalien nicht nur mit Messfehlern erklären lassen. Eine Theorie, die die Effekte schlüssig erklärt, hat er allerdings noch nicht. Denn bei einer herkömmlichen Kernreaktion müssten Neutronen- und Gammastrahlung sowie schnelle Elektronen als Nebenprodukte entstehen. Das ist nicht der Fall.

Wie Andrea Rossis E-CAT funktioniert

Wenig überraschend arbeiten auch etliche Firmen daran, Energiequellen zu entwickeln, die auf LENR basieren. Manche versprechen, in Kürze marktreife Produkte anzubieten. Und hier kommt auch Andrea Rossi wieder ins Spiel. Sein E-Cat nutzt den sogenannten „Rossi Effekt“, bei dem mithilfe von Nickel in einer langen Reaktionskette aus Lithium und Wasserstoff letztlich Helium entsteht – bei (vergleichsweise) niedrigen Temperaturen von 1.300 Grad Celsius. Bei diesem von Rossi als Transmutation bezeichneten Prozess wird überschüssige Wärme freigesetzt. Wie und warum das genau funktioniert, ist unklar. Eines seiner Geräte, ein kleines Heizkraftwerk mit insgesamt 1 Megawatt Leistung, kann man bei Rossis Firma Leonardo aber schon vorbestellen. Es soll 1,5 Millionen Dollar kosten.

Wissenschaftler bescheinigen dem E-CAT messbare Ergebnisse

Kann man dem glauben? Rossi hat seinen E-CAT vor einigen Jahren Wissenschaftlern des Royal Institute of Technology in Stockholm und der Universität Bologna vorgeführt. Sie durften den Reaktor zwar nicht auseinandernehmen, aber eigene Messungen durchführen. Ihr Abschlussbericht bestätigt, dass Rossis Reaktor offenbar „Energie in deutlich größeren Mengen produziert wurde, als es mit jeder anderen konventionellen Quelle möglich gewesen wäre“. Und zwar viel mehr Energie, als mit irgendeiner bekannten chemischen Reaktion erreichbar wäre.

Eine Manipulation hielten die Forscher für unwahrscheinlich, obwohl Rossi selbst für den Aufbau des Generators, die Stromversorgung und das Einlegen des Brennstoffs zuständig war. „Wir halten es für sehr, sehr unwahrscheinlich, dass die Testläufe manipuliert worden sind“, sagte Hanno Essén vom Royal Institute of Technology. „Soweit wir das beurteilen können, gab es keinerlei Eingriffe, die unsere zentralen Ergebnisse hätten beeinflussen können.“

Ist Andrea Rossi ein Betrüger?

Andere Wissenschaftler sind überzeugt, dass Rossi das Gerät manipuliert haben muss. Denn bei der Reaktion wurde keinerlei Gammastrahlung gemessen, wie es die Gesetze der Physik eigentlich verlangen. Einen genaueren Einblick in seine Erfindung will Rossi trotzdem nicht gewähren, angeblich aus Angst vor Ideenklau. Auch deshalb zweifeln viele Experten an der Glaubwürdigkeit des Ganzen. Hinzu kommt, dass Andrea Rossi eine leicht zwielichtige Gestalt ist, die in den 1990er Jahren bereits wegen Betrugs im Gefängnis saß. Hinzu kommen Streitigkeiten mit der US-Firma Industrial Heat. Ihr hatte Rossi im Jahr 2014 eine Lizenz zur Herstellung des E-CAT erteilt. Inzwischen bekriegen sich die einstigen Partner vor Gericht: Industrial Heat behauptet, der E-CAT funktioniere nicht wie geplant. Rossi klagt auf Zahlung der zuvor vereinbarten 100 Millionen Dollar.

Hanno Essén vom Royal Institute of Technology bleibt in seiner Meinung dennoch neutral. Er sagt, es gäbe genügend andere physikalische Effekte, die noch nicht erklärt seien. Auch der Elektroingenieur David Nagel von der George Washington University geht davon aus, dass die LENR kommerzialisiert wird, „bevor wir sie richtig verstanden haben“. Nagel weist darauf hin, dass das auch bei den Röntgenstrahlen der Fall gewesen sei.

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Quellen / Weiterlesen

The Official E-Cat Website of Leonardo Corporation | ECAT
Jäger des verlorenen Schatzes | Spektrum.de
Was wurde eigentlich aus Herrn Rossis Wunderreaktor? | Spiegel Online
Die „kalte Fusion“ ist nur ein Zaubertrick | golem.de
Bildquelle: © Leonardo Corporation

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5 KOMMENTARE

  1. Gerne wüsste ich wer die Fake News zu LENR finanziert – vermutlich die Ölindustrie, oder sind es doch die Netzbetreiber? Interessant finde ich, dass es fast schon wie organisierte Kriminalität aussieht. Jedenfalls wird mit einer unglaublichen Macht gegen LENR vorgegangen. Es kann nicht sein, was nicht sein darf!

  2. Seit gefühlt 10 Jahren wird die Einführung/Installtion einer Anlage verschoben. Es ist s…egal, wie wir das theoretisch formulieren. Ja, klar. Aber laufen muß eine Anlage letztendlich doch.
    Wenn das jahrelang so geht, dann ist etwas megafaul.
    Der ist ein Betrüger. Das ist jedem klar, der sich ein bisschen damit auseinander setzt. Alles andere sind emotionale Wunschgebilde (verständlich, alles andere ist ja ziemlich anstrengend).

  3. Andrea Rossi, ein verurteilter Betrüger, übrigens studierter Philosoph und kein Physiker, der schon andere Sachen erfunden haben wollte, die aber alle nicht funktionierten und nur auf Täuschung basierten, um damit Geld zu verdienen. Jetzt hat er seine Bühne mit diesem „kalte Fusion Reakor“, den man angeblich schon seit Jahren kaufen kann, aber de facto gibt es ihn nirgends in der Realität. Mal schauen mit welcher bahnbrechender Erfindung der alte Mann als nächstes kommt. Eins ist sicher, sie ist ein Fake 😉

  4. Was soll denn das Wiederveröffentlichen dieses 5 Jahre alten Schämhartikels für einen Erkenntnisgewinn bringen??? Ist ein wenig Recherche zum aktuellen Stand z.B. bei https://e-catworld.com zuviel verlangt?

  5. Das wahr auch bei der Dampfmaschine der Fall.
    Die hat auch funktioniert, bevor die Physik dahinter, die Wärmelehre, erfunden worden ist.

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