Tesla und die Google-Schwester Waymo arbeiten beide an selbstfahrenden Autos, haben dabei aber sehr unterschiedliche technische Ansätze. Welcher der bessere ist, darüber ist ein Streit entbrannt.

Das vollständig autonome Fahrzeug ist zwar noch Zukunftsmusik, doch Tesla-Chef Elon Musk ist wie immer optimistisch, dass der Durchbruch bald kommt. Er geht davon aus, dass Tesla die Basisfunktionalität für autonomes Fahren auf Stufe 5 noch in diesem Jahr erreicht. Stufe 5 ist die höchste Stufe und bedeutet, dass Fahrzeuge vollkommen selbständig auch ohne Insassen unterwegs sind.

Digitale Karten oder Computervision – was ist besser?

Während der Tesla-Chef keine grundlegenden Herausforderungen in diesem Bereich mehr sieht, ist Konkurrent Waymo vorsichtiger. Waymo geht davon aus, dass bis zur Stufe 5 noch eine Menge Entwicklungsarbeit nötig sei. Die beiden Konkurrenten setzen auf völlig unterschiedliche Lösungen bei der Künstlichen Intelligenz für autonomes Fahren: Waymo setzt auf digitale Karten, Tesla fast ausschließlich auf Computervision.

Waymo nutzt die LiDAR-Technologie, was für „Light Detection And Ranging“ steht und ähnlich wie Radar funktioniert. Ein Fahrzeug erzeugt dabei mithilfe von Lasern eine detaillierte Umgebungskarte, gleicht sie mit gespeicherten, hochauflösenden Karten ab und orientiert sich daran. Wenn sich etwas in der Umgebung ändert, müssen auch die gespeicherten Karten schnell angepasst werden.

Tesla dagegen hält LiDAR für überflüssig: Der Autobauer aus Kalifornien setzt stattdessen auf Computervision und reaktive Planung. Er verlässt sich auf Kameras, Radar und Ultraschall-Sensoren sowie auf die Informationen, die von allen Tesla-Fahrzeugen erfasst werden. Mit diesem Ansatz sollen sich die Teslas auch ohne gespeicherte Karten sicher im Straßenverkehr bewegen können. Dazu braucht es sehr leistungsstarke Computer in den Fahrzeugen, um die Vielzahl an Daten zu verarbeiten und Position und Planung zu berechnen.

Hinweise aus der Hirnforschung

Dieser Unterschied in der Technologie zeigt Parallelen zum Übergang von Wirbeltieren vom Wasser aufs Land. Die Neue Züricher Zeitung verweist zu diesem Thema auf den Hirnforscher Malcolm MacIver von der Northwestern University in Illinois. MacIver ist überzeugt, dass der Übergang vom Wasser aufs Land die große Transformation von Intelligenz mit sich brachte: Während die Wirbeltiere dank ihrer guten Sicht kognitive Hirnschaltkreise zur reaktiven Planung entwickelt hatten und so schnell auf Gefahren reagieren konnten, fehlte diese Fähigkeit den wirbellosen Lebewesen an Land. Diese verließen sich stattdessen auf eine gespeicherte Version ihrer Umgebung. Änderte sich etwas, waren sie unfähig, schnell darauf zu reagieren.

Die unterschiedlichen Ansätze von Waymo und Tesla in Bezug auf die Künstliche Intelligenz für autonomes Fahren sind damit vergleichbar: Tesla übernimmt den Ansatz der Wirbeltiere, der ihnen laut Hirnforscher MacIver einen evolutionären Vorteil verschafft hat. Waymo verfolgt den Ansatz, sich an der abgespeicherten Realität zu orientieren.

Elon Musk wettert gegen LiDAR

Entsprechend deutlich kritisiert Elon Musk die LiDAR-Technologie: Sie sei überflüssig, teuer und eine Sackgasse. „Jeder, der sich auf LiDAR verlässt, ist dem Untergang geweiht“, sagte er sogar. Menschliche Fahrer hätten schließlich auch nur Augen und keine Laser. Tesla geht davon aus, dass das eigene System mit Kameras und Hochleistungschips zur Bildverarbeitung ausreichend abgesichert ist.

Konkurrent Waymo dagegen kontert, Lidar mache autonomes Fahren sicher und der Verzicht darauf sei gefährlich. Man setze die LiDAR auch für Deep Learning ein und wolle nicht eine Technologie durch eine andere ersetzen, sondern sie intelligent miteinander kombinieren. Das Ziel sei das leistungsfähigste, beste und sicherste System. Waymo-Technikchef Dmitri Dolgov weist auch darauf hin, dass LiDAR besonders bei schlechter Sicht durch Regen, Nebel oder Schnee große Vorteile habe.

Der Ausgang ist offen

Welches Konzept sich nun durchsetzt, ist offen. Auf der einen Seite scheint im Hinblick auf Malcolm MacIvers Forschung der Ansatz von Tesla vielversprechender zu sein. Auf der anderen Seite sind dafür enorme Computerressourcen nötig – und die Entwicklung höherer Intelligenz im Zuge der Evolution hat bekanntlich Millionen von Jahren gedauert. Möglich, dass Waymo am Ende doch Recht behält.

Quellen / Weiterlesen

Autonome Fahrzeuge: Macht Googles Waymo oder Tesla das Rennen? | finanzen.net
Künstliche Intelligenz: Was setzt sich durch – der Tesla- oder der Google-Ansatz? | Neue Zürcher Zeitung
Tesla oder Google-Schwester Waymo: Wer gewinnt das Rennen ums autonome Fahren? | The Mootly Fool
Autonomes Fahren: Teslas Technologie unterscheidet sich deutlich von der Konkurrenz | Business Insider
Lidar-Anbieter schlagen nach vernichtender Kritik von Tesla-CEO Musk zurück | TeslaMag
Wie Waymo und Tesla um die Orientierung streiten | WirtschaftsWoche
Bildquelle: Wikipedia – Eschenzweig / CC BY-SA
Ajaz Shah
Ajaz Shah ist seit 2010 im Bereich der erneuerbaren Energien in der Projektfinanzierung und dem Projekmanagement für verschiedene Unternehmen tätig. Er arbeitete an Solar- und Windprojekten mit einer Gesamtkapazität von mehr als 50 MW in Deutschland, Spanien, Italien, Großbritannien, Tschechien und Frankreich mit. Daneben ist er freiberuflich im Online Marketing tätig. Ajaz hat zusammen mit Stephan Hiller energyload.eu im Oktober 2013 initiiert.

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