China treibt die Energiewende voran. Das Land kämpft gegen die Luftverschmutzung und um die Vorherrschaft im Greentech-Sektor. Doch es gibt ein Problem: Der chinesische Energiesektor ist hoch verschuldet – aus dem Geschäft mit Kohlekraftwerken. Das verlangsamt den Umstieg auf erneuerbare Energien.

Energieversorger sind auf die Gewinne aus Kohlekraft angewiesen

Der Stromsektor war Ende 2016 mit umgerechnet mehr als einer Billionen Euro die am höchsten verschuldete Industriebranche in China. Ein guter Teil dieser Gelder steckt in Kohlekraftwerken, welche mehr als eine Milliarde Kilowattstunden Strom produzieren können. Dass diese Kraftwerke weiter laufen müssen, um die aufgenommenen Kredite decken zu können, ist eines der Haupthindernisse für einen schnellen Umstieg auf grünere Energien. Staatlich festgesetzte hohe Strompreise machen neue Kohlekraftwerke zu einem attraktiven Investment, wenn der Kohlepreis sinkt. Das war in den letzten Monaten besonders stark der Fall, da die zunächst gestiegenen Kohlepreise wieder gefallen sind. Der Zubau an Kapazität aus Kohlekraftwerken ging seit Jahresbeginn um 8 Prozent nach oben (Stand Oktober 2017) und lag damit vor neuen Wasserkraftwerken, Windparks und Atomkraftwerken.

Die Betriebszeiten von Kohlekraftwerken sinken

Ein weiteres Problem ist die schwache Nachfrage, die im Zusammenhang mit vielen neuen Kraftwerken die Betriebszeiten immer weiter sinken lässt. Während Chinas Kohlekraftwerke noch im Jahr 2010 im Schnitt fast 450 Stunden pro Monat liefen, sind es heute nur noch etwa 300 Stunden. Wenn sich dieser Trend fortsetzt, könnten Stromversorger in Schwierigkeiten bei der Rückzahlung ihrer Darlehen geraten – umso mehr, da die Regulierungsbehörden deutlich gemacht haben, dass sie einen Crash beim Kohlepreis wie den im Jahr 2015 nicht zulassen werden.

All diese Faktoren machen den zügigen Umstieg auf andere Energieträger schwierig. Das operative Ergebnis aus dem Betrieb von stromerzeugenden Kraftwerken ergibt für die Betreiber schon jetzt nur einen Zinsdeckungsgrad von 2. Die Kennzahl liegt in anderen Sektoren Chinas bei 9.

Während der Heizperiode im Winter laufen die Kohlekraftwerke im Norden Chinas auf Hochtouren. Die Regierung in Peking hat jedoch festgelegt, dass stattdessen Erdgas eingesetzt werden soll. Doch nachdem dieses in manchen Gegenden knapp wurde, mussten Kohlekraftwerke jetzt teilweise wieder hochgefahren werden. Ein Umstieg auf Erdgas scheint unvermeidbar, wenn man die Luftverschmutzung bekämpfen will. Doch dafür braucht es einen flexibleren Strompreis, mehr Unterstützung für nichtstaatliche Gasimporteure und eine Lösung für den verschuldeten Sektor.

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Quelle / Weiterlesen:
China’s Clean Energy Future Has a $1.2 Trillion Problem | The Wall Street Journal
Bildquelle: Wikipedia – By 林 慕尧 / Chris Lim from East Coast (东海岸), Singapore (新加坡) (Windmills in China?{D70 series}) [CC BY-SA 2.0]
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Stephan Hiller
Stephan Hiller ist erfahrener Betriebswirt (Studium an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin und in Cambridge, UK) mit umfangreicher Geschäftsführungs- und Start-Up Erfahrung. Er hat sich erfolgreich darauf spezialisiert, den Finanzbereich und das Controlling junger Unternehmen operativ zu betreuen und Start-Ups strategisch sowie in den Bereichen Marketing, Vertrieb und Finanzen zu beraten. Er verfügt über umfassende kaufmännische Erfahrungen, die er durch mehrjährige Berufstätigkeit für internationale Unternehmen im In- und Ausland aufgebaut hat. Hierunter waren u.a. Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau, aus der Automobilindustrie, Solarmodulhersteller und Projektentwickler aus dem Bereich erneuerbare Energien. Weiterhin hat er mehrere Unternehmensgründungen im Bereich erneuerbare Energien initiiert und erfolgreich mit aufgebaut. Stephan hat zusammen mit Ajaz Shah energyload.eu im Oktober 2013 gegründet.

1 KOMMENTAR

  1. Was beim Betrachten des chinesischen Strommarkts aus dem deutschen Blickwinkel konsequent unterschlagen wird, ist die Tatsache, dass für China (und auch viele andere Länder) zu den „alternativen Energien“ nicht nur Sonne, Wasser und Wind gehören, sondern auch Kernenergie. Im März 2016 hat der nationale Volkskongress einen Fünfjahresplan für die Energiewirtschaft verabschiedet, wonach in diesem Zeitraum 88 Gigawatt Atomenergie zugebaut werden sollen. Bis 2030 sollen 110 Kernreaktoren am Netz sein.

    Besonders interessant ist dabei, dass China inzwischen Technologien umsetzt, bei denen deutsche Firmen vor Jahrzehnten mal mit Abstand führend waren: Mindestens einen „Schnellen Brüter“ haben sie bereits am Netz, aktuell wird ein Flüssigsalz-Thorium-Reaktor (LFTR) gebaut, also ein Generation-IV-Reaktor. Mit dem Thorium, das allein in China selbst vorhanden ist, könnte das Land seinen Energiebedarf wohl mindestens die nächsten 10.000 Jahre decken.

    Viel interessanter ist daran aber, dass China damit zum Technologieführer auf diesem Gebiet wird. Und während „jeder Depp“ Windräder oder Solarplatten bauen kann (was die zahlreichen Firmen beweisen, die es da bereits gab), also ein erheblicher Preisdruck vorhanden ist (weshalb es viele dieser Firmen schon wieder nicht mehr gibt), kann man den Bau von Kernkraftwerken nicht so einfach nachmachen.

    In Deutschland wird diese Entwicklung gerne totgeschwiegen. So kann man z.B. beim deutschen Wikipedia im Artikel „Kohleausstieg“ lesen: „Einen vollständigen Ausstieg aus der Verstromung von Kohle hat bisher die kanadische Provinz Ontario durchgeführt, als 2014 das letzte Kohlekraftwerk auf die Verfeuerung von ‚Advanced Wood Pellets‘ (AWP) umgestellt wurde.“
    https://de.wikipedia.org/wiki/Kohleausstieg#Kanada
    Mal abgesehen von der Frage, ob man das Verfeuern der Wälder wirklich als Fortschritt sehen sollte, wird da komplett unterschlagen, dass der Großteil des Stroms für Ontario aus Kernkraftwerken stammt.
    https://www.ontario.ca/document/2017-long-term-energy-plan-discussion-guide/ontarios-energy-mix-end-2015#section-0
    Das wird natürlich so gut wie möglich verschleiert – z.B. indem man statt der Stromerzeugung die installierte Leistung darstellt:
    http://www.ieso.ca/learn/ontario-supply-mix/ontario-energy-capacity

    In Deutschland ist die Kernenergielobby die treibende Kraft hinter der Treibhausblödelei. Zum öffentlichen Thema hat es der Arbeitskreis Energie der Deutschen Physikalischen Gesellschaft e.V. (DPG) gemacht, als dieser im Dezember 1985 eine 14-seitige Informationsschrift mit dem Titel „Warnung vor einer drohenden Klimakatastrophe“ veröffentlichte, aus der „Der Spiegel“ dann am 11. August 1986 (die berühmte Ausgabe mit dem absaufenden Kölner Dom auf dem Titel) einen umfangreichen Artikel konstruierte.
    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13519133.html

    Auch Frankreich hat ja kürzlich seinen Kohleausstieg verkündet und wurde dafür auf der Weltklimakonferenz bejubelt. Dass es Frankreich dabei vor allem darum geht, die deutsche Wirtschaft unter Druck zu setzen (und Macron deshalb auch einen erheblich höheren Preis für CO2-Zertifikate fordert), unterschlägt man in Deutschland aber gerne.
    http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/emmanuel-macron-klimaheld-dank-atomkraft-a-1178214.html

    Bei dieser Entwicklung leistet Deutschland aber durchaus eine wichtige Vorreiterrolle: als abschreckendes Beispiel dafür, wie die Energieversorgung nicht funktionieren kann. Und genau so war es ja auch von der „Ethik-Kommission Sichere Energieversorgung“ vorgesehen, denn diese hat in ihrem Abschlussbericht vom 30. Mai 2011 formuliert:

    „Die Ethik-Kommission betont, dass die Energiewende nur mit einer gemeinsamen Anstrengung auf allen Ebenen der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft gelingen wird. Dafür steht der Vorschlag eines Gemeinschaftswerkes ‚Energiezukunft Deutschlands‘. Dies ist eine große Chance, umfasst aber auch Herausforderungen. Die internationale Gemeinschaft verfolgt mit großem Interesse, ob es Deutschland gelingt, den Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie zu schaffen. Ist dies erfolgreich, wird es große Wirkungen in anderen Ländern haben. Scheitert es, werden die Folgen auch in Deutschland gravierend sein und viele schon erreichte Erfolge bei den erneuerbaren Energien infrage stellen.“

    Und wenn man den Ruf der Kohleenergie (die bekanntlich mit ihren niedrigen Kosten die erste Ausbauphase der Kernenergie bis in die 1970er Jahre unwirtschaftlich machte) endlich nachhaltig ruiniert hat und zudem anhand einer Hochtechnologienation bewiesen hat, dass Zufallsstromerzeuger nicht für eine zuverlässige Stromversorgung taugen, dann ist der Weg endlich frei für die Nutzung der Kernenergie, weil diese dann zwangsläufig alternativlos ist.

    Und dieser Weg war bereits im Stromeinspeisegesetz vorgezeichnet, bei dem man hohe Vergütungen mit einer Abnahmegarantie (unabhängig vom tatsächlichen Bedarf) verband. Als das trotzdem nicht den gewünschten Effekt zeigte, wurde zehn Jahre später das EEG nachgeschoben, bei dem nicht nur die Vergütung auf eine absurde Höhe geschraubt wurde, sondern auch noch die Kosten für die Bereitstellung des notwendigen Netzanschlusses auf die Allgemeinheit abgeschoben wurde. „Leider“ haben die Übertragungsnetzbetreiber aber längst gemerkt, dass sie mit dem EEG richtig viel Geld verdienen können (inzwischen ist die Netzgebühr ja höher als die EEG-Umlage) und setzen deswegen alles daran, den Zusammenbruch so lange wie möglich hinauszuzögern, was den Zeitplan der Atomlobby ein wenig stört.

    Oder glaubt wirklich jemand daran, dass es purer Zufall ist, dass der CSU-Angeordnete Matthias Engelsberger (der 1990 zusammen mit dem Grünen Wolfgang Daniels das Stromeinspeisegesetz initiierte) noch am 14. April 1988 anlässlich der Großen Anfrage der Fraktion der SPD „Tschernobyl und die Folgen – Ein Jahr danach“ u.a. ausführte:

    „Mein lieber Herr Kollege, auch ich bin Anhänger der regenerativen Energien. Aber nach dem heutigen Stand, nach der heutigen Entwicklung und nach dem heutigen Wissen ist es einfach nicht möglich, z. B. in der Bundesrepublik 130 Milliarden Kilowattstunden elektrischen Stroms, der aus Kernenergie erzeugt wird, durch regenerative Energien zu ersetzen.
    […] es war doch aber in den siebziger Jahren, als noch Kernkraftwerke gebaut wurden, unsere gemeinsame Auffassung, auch die der SPD und vor allen Dingen die Ihres Bundeskanzlers Helmut Schmidt, der diese Auffassung ja heute noch hat, daß wir zur Vermeidung z. B. des Kohlendioxidanstiegs in der Erdatmosphäre und zur Verhinderung klimatischer Veränderungen, die nicht mehr beherrschbar sein würden, Kernenergie einsetzen müßten, um den Einsatz fossiler Brennstoffe zu reduzieren. Das war die gemeinsame Meinung.
    […]
    Meine Damen und Herren, auf Grund dieser Überlegungen hat sich die Vollversammlung der UNO am 11. November 1986, also nur ein halbes Jahr nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, einstimmig dafür ausgesprochen, die friedliche Nutzung der Kernenergie zu fördern. 142 Nationen haben dafür gestimmt.
    Auch der Club of Rome, der Anfang der siebziger Jahre so entschieden auf die Grenzen des Wachstums hingewiesen hat und dem man blinde Technologiegläubigkeit bestimmt nicht nachsagen kann, hält einen gewaltigen Ausbau der Kernenergie für notwendig, um die in 50 Jahren auf etwa 8 Milliarden angewachsene Menschheit am Leben zu erhalten.
    Eine zukunftsbezogene verantwortbare Energiepolitik darf das Restrisiko der Kernenergie nicht durch ein Dauerrisiko fossiler Energieträger ersetzen. Schließlich wird die Gesundheit der Menschen durch das Verbrennen von Kohle, Gas und Öl auf die Dauer weit mehr geschädigt als durch Kernenergie. Das wird von Ihnen allen nicht in Betracht gezogen.
    […]
    Ein Verzicht auf die Kernenergie verschlimmerte deshalb nicht nur das Waldsterben, sondern stellte eine massive zusätzliche Belastung unserer Gesundheit dar. Das gilt insbesondere dann, wenn auch noch in Belgien und Frankreich Kernkraftwerke durch Kohlekraftwerke ersetzt würden.
    Darüber hinaus kann gar nicht deutlich genug auf das Problem der CO2-Emissionen, von denen ich vorhin gesprochen habe, hingewiesen werden, die in die Erdatmosphäre entweichen, dort eine Abstrahlung der Erdwärme verhindern und so den ‚Treibhauseffekt‘ hervorrufen.
    Vor diesen Gefahren haben nicht zuletzt die Deutsche Physikalische Gesellschaft und die Deutsche Meteorologische Gesellschaft wiederholt mit Nachdruck gewarnt.
    Meine Damen und Herren, aus Zeitgründen kann ich auf dieses CO2-Thema jetzt nicht weiter eingehen, obwohl wir bereits bei 347 ppm CO2 in der Erdatmosphäre angelangt sind. Das geht bereits weit über das Maß hinaus, bei dem sich in früheren Jahrtausenden Wärme- und Kälteperioden abgelöst haben. Da lagen die Werte zwischen 200 und 280 ppm.“
    http://dip21.bundestag.de/dip21/btp/11/11071.pdf

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